Heilkraft der Liebe in der Medizin
Es kommt darauf an, daß
wir unser Herz wirklich öffnen. Ein Gespräch mit Dean Ornish über die
verkannte Heilkraft der Liebe in der Medizin.

Ornish
gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Medizin. Mit seinem
jüngsten Buch "Love and Survival" hat er nun ein Grundlagenwerk über
die wissenschaftlichen Hintergründe der Heilkraft der Liebe,
Geborgenheit und menschlichen Zuwendung in der Medizin vorgelegt.
Im folgenden Interview - abgedruckt in "PSYCHOLOGIE HEUTE"
(Dezember 1998) äußert er sich über die wichtigsten Zusammenhänge
seiner neuen Forschung.
Psychologie Heute: "Liebe und
zwischenmenschliche Nähe machen gesund!" lautet Ihre jüngste Botschaft.
Sind das neue Ideen, oder war Ihnen schon länger bewußt, daß jede
medizinische Behandlung auf emotionaler Zuwendung beruhen sollte?
Ornish:
Die Botschaft ist nicht neu - sie ist nur noch nicht richtig gehört und
verstanden worden. Das menschliche Miteinander und Mitfühlen waren
immer Teil meiner Arbeit, schon im ersten Herzbuch habe ich viel
darüber reflektiert. Merkwürdigerweise haben dies die meisten Menschen
aber kaum beachtet, so bezog sich die öffentliche Aufmerksamkeit fast
ausnahmslos auf die Ernährung, teilweise auf die Yoga und
Meditationsübungen. Der wichtigste Teil der Herztherapie - die
psychologische Gruppenarbeit - wurde dagegen nie richtig erwähnt und
gewürdigt.
Um dies zu ändern, habe ich mich noch intensiver mit
der"Heilkraft der Liebe" beschäftigt und das Buch geschrieben. Während
dieser Arbeit habe ich Hunderte von Studien analysiert und dabei noch
viel mehr von der Macht dieser Ansätze begriffen, weil sie beweisen,
wie krank emotionale Isolation die Menschen macht, verglichen mit
denjenigen, die in ihrem Leben so etwas wie Liebe und Verbundenheit
erfahren. So kann alles, was Einsamkeit fördert, krank machen.
Umgekehrt wirkt alles, was Gefühle der Gemeinschaft und Nähe fördert,
auch heilend auf den Menschen.
Ich bin heute davon überzeugt,
daß psychische Achtsamkeit den ersten Schritt jeder Heilung darstellt.
Es ist entscheidend, daß man sich anderen und sich selbst gegenüber
stärker öffnet - was ungewohnt und schwierig sein kann, da wir nur in
dem Maße anderen nahe sein können, in dem wir uns selbst verletzbar
machen. in unserer Kultur haben viele Menschen keinen Ort, an dem sie
sich sicher genug fühlen, um anderen nahe oder vertraut zu werden.
Falls sich die Menschen aber bewußt machen, welch existentiellen
Unterschied Liebe und vertraute Nähe bringen - nicht nur in der
Lebensqualität, sondern auch in der Lebensdauer -, dürfte es vielen
leichter fallen, sich zu öffnen.
Es kommt hinzu, daß wir in der
Medizin gegenwärtig einen Backlash gegen die alternative und
komplementäre Medizin erleben, weil sie wissenschaftlich nicht so
erfolgreich ist, wie sich das viele wünschen - wobei teilweise
unerfüllbare Standards gefordert werden. Wissenschaft ist zwar ein
hervorragendes Mittel, um zu zeigen, was funktioniert und was nicht. So
sind viele der vorliegenden Studien mit Tausenden von Fällen
wissenschaftlich vor allem deswegen bedeutsam, weil der heilende Effekt
gerade auch dann nachweisbar war, wenn man Risikofaktoren wie Rauchen,
Erbe oder Ernährung kontrolliert hatte. Warum das so ist, ist noch
unklar- aber die Tatsache selbstkann nicht mehr bezweifelt werden. Wir
können mit wissenschaftlichen Methoden also nachweisen, daß Einsamkeit
krank macht - wir können damit aber niemals erklären, warum das so ist.
Deswegen
habe ich auch von harten Schulmedizinern bis zu "intuitiven Heilern"
viele Experten befragt, warum Faktoren wie Liebe und Einsamkeit
medizinisch so signifikant sind. Die Schulmediziner fühlten sich dabei
offensichtlich nicht besonders wohl in ihrer Haut: Sie bekundeten zwar
ausnahmslos, vom Phänomen überzeugt zu sein, die vorliegenden Daten
reichten aber dennoch nicht aus, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Viele
meinten auch, daß sich dies irgendwann in rein rationalen
Zusammenhängen "neuronaler Mechanismen" erklären lasse. Dies zeigt mir,
dass das "Entweder-Oder-Denken" in der Medizin immer noch viel zu stark
ausgeprägt ist - so schwören neben vielen Ärzten auch viele Patienten
entweder auf die traditionelle oder alternative Behandlung. Wir sollten
aber vom ganzen Heilungswissen profitieren und nicht mehr von
traditioneller oder alternativer Medizin sprechen, sondern nur noch von
der Medizin, die heilt oder nicht.
PH: Sie betonen, daß viele
Ärzte mittlerweile zwar bereit sind, sich auf einige Ihrer
Behandlungsideen wie eine geänderte Ernährung einzulassen, vor der
"emotionalen Hingabe" in der Behandlung aber zurückschrecken.
Ornish: Ich denke, es ist in der Medizin längst überholt, daß wir nicht
involviert sind. Wir haben uns von der Lebenskraft abgeschnitten, die
fließt, sobald zwei Menschen füreinander sorgen. Fürsorge« und
Verständnis waren schon immer Teil der Heilkunst - nur hat sich die
Naturwissenschaft dem Gebot verschrieben, was nicht meßbar ist, als
unwichtig oder nicht existent abzutun. So kann man Cholesterin,
Blutdruck und jede Form verengter Herzarterien hervorragend messen,
aber wie soll man das mit Liebe oder Mitgefühl machen? Daher neigen
viele Mediziner dazu, sich mit einem kleineren Teil des großen Ganzen
zufriedenzugeben.
Obwohl die meisten alternativen Methoden
nur wenig wissenschaftliche Belege vormerken können, haben sie so
großen Zulauf, weil Akupunkteure, Chiropraktiker oder Körpertherapeuten
und viele andere so auf ihre Klienten eingehen, daß diese sich
angenommen und verstanden fühlen. Dies sind die entscheidenden
Bedürfnisse, die bei vielen Ärzten meist unbefriedigt bleiben.
Wenn man etwa mit unseren Patienten darüber spricht, was für sie bei
der Herztherapie am wichtigsten und hilfreichsten war, schwierige
Lebensstiländerungen - das Rauchen aufgeben, Bewegung, fettarme
Ernährung - zu vollziehen oder was auch immer, dann lautet die Antwort
praktisch ausnahmslos: die Heilkraft von Liebe und Intimität. Sie
sprechen davon, wie sie ihr "Herz öffneten", Gemeinschaft schufen und
Verbindungen zu anderen herstellten.
In der Medizin sind wir
aber daran gewöhnt, unsere Gefühle abzuspalten und nichts mit ihnen zu
tun zu haben - sicherlich der wichtigste Grund dafür, daß die Ärzte zu
den depressivsten Berufsständen zählen: Wir sterben nicht nur zehn
Jahre früher, sondern haben vergleichsweise auch die höchsten
Scheidungs-, Sucht- und Suizidraten. Es kommt hinzu, daß die Ärzte
nicht nur keine Belohnung bekommen, wenn sie eine aufwendigere
emotionale oder "sprechende Medizin" betreiben, sondern immer noch
lächerlich gemacht werden. In den USA wird das beispielsweise als
"kalifornische Behandlung" verspottet. Tatsache ist aber, daß wir
"touchy-Fell-Wesen" sind, die körperliche Berührung, emotionale
Gemeinschaft und vor allem seelische Bindungen zu anderen brauchen.
Dies ist die Art und Weise, wie wir evolutionär überlebt haben - bisher
zumindest.
PH: Sie heben hervor, daß die Menschen nicht die
Einsamkeit an sich krank macht oder das Leben verkürzt, sondern die
Erfahrung, sich einsam zu fühlen. Können Sie sich eine gewandelte
Schulmedizin vorstellen, die Ihre Ideen heilender "Nächstenliebe"
praktiziert?
Ornish: Es wäre schrecklich, falls Krankenhäuser
beispielsweise dazu übergingen, für alle Patienten einfach nur
"Therapiegruppen" anzubieten - ohne Leitung oder ähnliches. Heilende
Nähe kann man nicht verordnen. So kann man auch in einer Klinik genauso
fürchterlich einsam sein wie auf einer überfüllten New Yorker Avenue.
Umgekehrt können sie irgendwo in den einsamsten Bergen meditieren und
in einem transzendenten, "übernatürlichen" Gefühl von Geborgenheit
eintauchen. Es sind weniger die Handlungen, die zählen, sondern die
unmittelbaren Erfahrungen und die tiefer liegenden Einstellungen.
PH: Bedeutet dies, daß frühere Lebenserfahrungen mangelnder Liebe und Nähe später "ausgeglichen" werden können?
Ornish:
Ja. Die meisten Menschen achten nicht sonderlich auf Fragen
zwischenmenschlicher Intimität -weil sie in unserer Kultur nicht
wertvoll genug erscheinen. Und falls sie die erforderlichen"sozialen
Kompetenzen" nicht in ihrer Ursprungsfamilie erfahren oder nicht offen
genug sein konnten, dann neigen sie dazu, als Erwachsener ähnlich
defensive Beziehungen zu leben wie als Heranwachsende. Wenn Nähe früh
im Leben als gefährlich erfahren wurde, dann sucht man später unbewußt
oft Beziehungen, in denen man nicht zu offen oder ängstlich sein muß.
Dies ist gefährlich, denn solche Verhaltensweisen bleiben ein
Selbstläufer, wenn sie nicht durch Therapie oder andere Ansätze in neue
Bahnen gelenkt werden.
So zeigt eine Harvard-Langzeitstudie, daß
diejenigen Erwachsenen am ungesündesten waren, die früher am wenigsten
Geborgenheit erlebten. Auf der anderen Seite verdeutlichen viele
Studien, dass wir dies ändern können: Wir brauchen zwar die Hilfe von
anderen, aber falls wir diese annehmen und uns öffnen - selbst wenn es
sich nur um sechs Wochen oder ein Jahr in einer Therapie - oder
Selbsthilfegruppe handelt -, können wir unsere Lebenschancen
verdoppeln, wenn wir an schweren Krankheiten leiden.
Dabei
wirken bei vielen Patienten nicht so sehr die wenigen Wochen
therapeutischen Gruppenkontakts so heilsam, vielmehr ist es das
Erlebnis, wie gut es tut, wenn man mit anderen zu tun hat, Risiken
eingeht und "verwundbar" sein kann.
Es gibt unzählige Wege, auf
denen wir das Einssein und die Verbundenheit erfahren können. Für mich
selbst waren beispielsweise Yoga und Meditation sehr mächtige
"Werkzeuge" - aber es gibt auch Vertrauen, Hingabe, Vergebenkönnen und
Verzeihen, Altruismus oder andere Formen der Gemeinschaftserfahrung,
selbst freundliche Berührungen oder Massagen können kleine Wunder
wirken.