
Die San Francisco Lifestyle Heart Study
Können Veränderungen des Lebensstils die koronare Herzkrankheit rückgängig machen?
Sonderdruck
aus The Lancet - Deutsche Ausgabe November 1990, 4. Jahrgang Nr. 11,
Copyright Schwer Verlag GmbH, Stuttgart 1990, S. 591-596
Can lifestyle changes reverse coronary heart disease?
The Lancet - Englische. Ausgabe (8708) 1990, 336: 129-133.
Der Nachfolgende Beitrag ist eine leicht gekürzte Lancet-Fassung, die
keinen Anspruch auf eine wissenschaftlich korrekte Wiedergabe und auf
Vollständigkeit erhebt. Neben den Ausführungen zu statistischen
Verfahren wurde der Artikel insbesondere um Fundstellenverweise und
Graphiken "bereinigt". Wissenschaftlich interessierte Leser verweisen
wir auf die oben angeführten Fundstellenhinweise der deutschen
Übersetzung und der englischen Originalfassung.
Zusammenfassung
In
einer prospektiven randomisierten kontrollierten Studie wurde
untersucht, ob sich eine Koronarsklerose durch umfassende Änderung des
Lebensstils nach Ablauf eines Jahres beeinflussen läßt. 28 Patienten
wurden einer Versuchsgruppe zugeteilt (fettarme vegetarische Diät,
Rauchverbot, Streßbewältigungstraining und leichte Bewegungsübungen),
20 einer normal betreuten Kontrollgruppe. 195 Veränderungen der
Koronararterien wurden mittels quantitativer Koronarangiographie
analysiert.
Der mittlere Stenosendurchmesser war in der
Versuchsgruppe von 40,0 % auf 37,8 % zurückgegangen, dagegen hatte er
in der Kontrollgruppe noch von 42,7 % auf 46,1 % zugenommen. Wurden nur
Stenosierungen über 50 % berücksichtigt, so ergab sich ein Rückgang des
mittleren prozentualen Stenosendurchmessers in der Versuchsgruppe von
61,1 % auf 55,8 % und einer Zunahme in der Kontrollgruppe von 61,7 %
auf 64,4 %. Insgesamt war es in der Versuchsgruppe bei 82 % der
Patienten zu regressiven Veränderungen gekommen. Umfassende
Veränderungen der Lebensgewohnheiten können also sogar eine schwere
Koronarsklerose nach nur einem Jahr ohne lipidsenkende Medikation zur
Rückbildung bringen.
Einleitung
Die "Lifestyle
Heart"-Studie ist die erste randomisierte und kontrollierte Studie, mit
der festgestellt werden sollte, ob Patienten außerhalb des
Krankenhauses dazu bewogen werden können, eine umfassende Änderung
ihres Lebensstils vorzunehmen und durchzuhalten und ob, falls ja,
allein dadurch eine Koronarsklerose sich zurückbilden kann. In über 20
klinischen Studien wird zur Zeit geprüft, ob das Fortschreiten der
Koronarsklerose aufgehalten werden kann. In allen diesen Studien sind
die primären Maßnahmen der Einsatz cholesterinsenkender Medikamente,
Plasmapheresen oder eine partielle Heute Bypass-Operation.
In
den Jahren 1977 und 1980 hatten wir Versuche unternommen, um anhand
nicht invasiver Meßgrößen (Besserung der Herz-Risikofaktoren,
Funktionsstatus, Myokardperfusion und linksventrikuläre Funktion) zu
prüfen, ob sich eine Änderung des Lebensstils kurzfristig auf
die koronare Herzkrankheit auswirkt. Die Teilnehmer an diesen Studien
lebten freilich während des Versuchs nicht in der gewohnten Umgebung,
und wir hatten den Einfluß auf die Koronarsklerose ohne Zuhilfenahme
der Angiographie beurteilt.
Patienten und Methoden
Patienten mit angiographisch erwiesener Koronararterienerkrankung
wurden randomisiert einer Versuchsgruppe oder einer normal betreuten
Kontrollgruppe zugewiesen. Für die Patienten der Versuchsgruppe war ein
Plan zur Änderung ihrer Lebensgewohnheiten vorgesehen; dazu gehörten
fettarme vegetarische Kost, maßvolles Bewegungstraining,
Streßbewältigungstraining, Rauchverbot und Gruppentherapie. Die
Patienten der Kontrollgruppe brauchten ihre Lebensgewohnheiten nicht zu
ändern; es dennoch zu tun, blieb ihnen aber freigestellt. Progression
oder Regression von Kotonararterien-Läsionen wurden in beiden Gruppen
durch quantitative Koronarangiographie vor Studienbeginn und etwa ein
Jahr später beurteilt.
Die Patienten wurden vom Pacific
Presbyterian Medical Center (PPMC) und vom Moffitt Hospital der UCSF
School of Medicine nach folgenden Kriterien ausgewählt: Alter 35-75
Jahre, männlich oder weiblich, Wohnsitz im Großraum von San Francisco,
keine andere lebensbedrohende Krankheit, kein Myokardinfarkt während
der vorangegangenen 6 Wochen und keine Behandlung mit Streptokinase
oder Alteplase, keine aktuelle Einnahme von lipidsenkenden
Medikamenten, Ein-, Zwei- oder Dreigefäßkrankheit der Koronararterien
(definiert als meßbare Koronarsklerose in einer nicht dilatierten
Koronararterie oder einer Koronararterie ohne Bypass),
linksventrikuläre Auswurffraktion über 25 %, keine Vormerkung für eine
Bypass-Operation sowie Zustimmung des Kardiologen und des
erstbehandelnden Arztes.
Die Intervention begann mit einem
einwöchigen zurückgezogenen Aufenthalt in einem Hotel, um die Patienten
der Versuchsgruppe mit den Maßnahmen für die Lebensstil-Veränderungen
vertraut zu machen. Die Patienten besuchten danach regelmäßig
Gruppentreffen zur Unterstützung (4 Stunden zweimal in der Woche).
Den Patienten der Versuchsgruppe wurde für mindestens ein Jahr eine
fettarme vegetarische Kost angeraten. Zu diesen Kostformen gehörten
Obst, Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte und Sojaprodukte ohne
Kalorieneinschränkung. Auf Wunsch wurden auch Fertiggerichte
bereitgestellt. Tierische Produkte waren nicht erlaubt, außer
Eier-Eiweiß und einer Tasse entrahmter Milch oder Joghurt (fettarm) pro
Tag. Die Diät enthielt etwa 10 % der Kalorien als Fett (Verhältnis
mehrfach ungesättigter Fettsäuren zu gesättigten Fettsäuren > 1),
15-20 % Protein und 70-75 % überwiegend komplexe Kohlenhydrate. Die
Cholesterinaufnahme war auf 5 mg/d oder weniger begrenzt. Salz wurde
nur Patienten mit Hypertonie verboten. Coffein wurde ausgeschlossen,
und Alkohol wurde auf maximal zwei Einheiten pro Tag begrenzt (verboten
war Alkohol für frühere Alkoholiker, und niemandem wurde empfohlen zu
trinken).
Die Diät war in ihrer Zusammensetzung ausgeglichen
und enthielt die empfohlenen Tagesmengen für alle Nährstoffe außer
Vitamin B12, das zusätzlich gegeben wurde. Die
Streßbewältigungstechniken bestanden in Streckübungen, Atemtechnik,
Meditation, fortschreitenden Entspannungsübungen und katathymem
Bild-Erleben. Der Zweck aller dieser Techniken bestand darin, das
Gefühl des Patienten für Entspannung, Konzentration und bewußte
Wahrnehmung zu stärken. Die Patienten wurden dazu angehalten, diese
Streßbewältigungs-Übungen mindestens eine Stunde pro Tag auszuführen,
und erhielten zur Anleitung eine einstündige Radiokassette.
Lediglich eine Patientin der Versuchsgruppe hatte zum Ausgangszeitpunkt
der Studie geraucht, und sie erklärte sich bereit, mit Eintritt in die
Studie das Rauchen einzustellen. Das Übungsniveau (typischerweise
ruhiges Gehen) wurde den Patienten individuell je nach Ausfall der
Basis-Belastungstests vorgeschrieben. Die Patienten wurden angewiesen,
beim Training 50-80 % derjenigen Herzfrequenz zu erreichen, bei der es
während des Basis-Belastungstests zu einer ST-Senkung um 1 mm gekommen
war, oder, wenn sie nicht ischämisch waren, 50-80 % ihrer
altersentsprechenden maximalen Herzfrequenz, je nach Trainingsniveau,
anzustreben. Die Patienten wurden auch dazu angeleitet, die
Belastungshöhen als Borg-Rate auf der Belastungsskala abzulesen. Die
Übungen sollten mindestens drei Stunden in der Woche ausgeführt werden,
wobei mindestens 30 Minuten pro Übungskomplex innerhalb der
vorgesehenen Herzfrequenz eingehalten werden sollten. Ein Defibriliator
und Notfallmedikamente waren jederzeit greifbar.
Gruppendiskussionen,
die zweimal wöchentlich stattfanden, sorgten für sozialen Rückhalt und
halfen den Patienten dabei, die beabsichtigte Änderung ihres
Lebensstils einzuhalten. Die Sitzungen wurden von einem
Klinik-Psychologen geleitet, der die Besprechung der Möglichkeiten, das
Programm zu befolgen, sich mitzuteilen und sich auch über die
gefühlsmäßige Beziehung zu Beruf und Familie auszudrücken, förderte.
Ergebnisse
Im Ausgangsstadium bestanden keine wesentlichen Unterschiede zwischen
der Versuchs- und Kontrollgruppe in bezug auf demographische Merkmale,
Emährungsweise und Lebensstil, funktionellen Status, kardiale Anamnese
oder Risikofaktoren bei den 41 Personen, von denen angiographische
Befunde vor und nach der Intervention vollständig zur Verfügung
standen. Die Kontrollgruppe wies zwar signifikant höhere
HDL-Cholesterolspiegel (1,33 gegenüber 1,02 mmola; p = 0,029) und
Apolipoprotein-A-I-Werte (156 gegenüber 133 mg/dl; p = 0,0155) auf als
die Versuchsgruppe, die Quotienten aus Gesamt- und HDL-Cholesterol
sowie LDL- und HDL-Cholesterol waren aber bei beiden Gruppen im
Ausgangsstadium weitgehend gleich. Im Schweregrad der Krankheit
unterschieden sich Versuchs- und Kontrollgruppe bei Eintritt in die
Studie nicht signifikant voneinander.
Die Diätempfehlungen,
das Bewegungstraining und die Übungen zur Streßbewältigung wurden von
den Teilnehmern der Versuchsgruppe hervorragend eingehalten. Die
Patienten der Kontrollgruppe nahmen leichtere Veränderungen ihres
Lebensstils vor, die eher den sonst üblichen Empfehlungen entsprachen.
Die Veränderungen der Risikofaktoren während der Studie sind wie folgt
zusammenzufassen: In der Versuchsgruppe fiel das Gesamt-Cholesterol um
24,3 % und LDL-Cholesterol um 37,4 %. Dieser Rückgang trat selbst dann
ein, wenn die Patienten schon vor der Kontrolle der Ausgangswerte den
Anteil ihres Fettkonsums auf 31,5 % der Kalorien und die
Cholesterol-Aufnahme auf durchschnittlich 213 mg/d reduziert hatten.
HDL-Cholesterol veränderte sich in keiner Gruppe signifikant.
Apolipoprotein B sank in der Versuchsgruppe deutlich ab, nicht dagegen
in der Kontrollgruppe. In keiner der beiden Gruppen war eine
signifikante Veränderung von Apolipoprotein A-1 zu verzeichnen.
Bei den Patienten der Versuchsgruppe ging die Häufigkeit pektanginöser
Anfälle um 91 %, die Anfallsdauer um 42 % und der Schweregrad der
Angina um 28 % zurück. Dagegen nahm bei den Patienten der
Kontrollgruppe die Anfallshäufigkeit um 165 %, die Anfallsdauer um 95 %
und der Schweregrade der Angina um 39 % zu. In unseren früheren Studien
hatten wir festgestellt, daß sich eine ähnliche Besserung des
funktionellen Status schon nach einem Monat eingestellt hatte, was
darauf hindeutet, daß sich Angina-pectoris-Beschwerden bessern können,
bevor noch eine Rückbildung der Koronarsklerose einsetzt, vielleicht
infolge Veränderungen der Thrombozyten-Epithel-Wechselwirkungen, des
Vasomotorentonus oder anderer dynamischer Merkmale der Stenosen.
Alle 195 aufgefundenen Läsionen wurden in die quantitative Analyse
einbezogen. Der durchschnittliche prozentuale Stenosendurchmesser sank
von 40,0 % auf 37,8 % in der Versuchsgruppe, stieg hingegen in der
Kontrollgruppe von 42,7 % auf 46,1 % an (p = 0,001, zweiseitig). Wurden
nur die über 50 % stenosierten Gefäße analysiert, so zeigte sich, daß
in der Versuchsgruppe der durchschnittliche prozentuale
Stenosendurchmesser von 61,1 % auf 55,8 % zurückgegangen war, in der
Kontrollgruppe dagegen von 61,7 % auf 64,4 % zugenommen hatte (p 0,03,
zweiseitig). Die Punktzahl für die durchschnittliche Läsionsänderung (%
Durchmesser der Stenosen nach der Intervention minus % Durchmesser vor
der Intervention) in der Versuchsgruppe lag im Bereich einer Regression
der Koronarsklerose bei 18 von 22 Patienten (82 %), darunter einer
Frau, im Bereich einer leichten Progression bei drei Patienten und im
Bereich einer deutlichen Progression bei einem Patienten, der die
Empfehlungen kaum eingehalten hatte. Im Gegensatz dazu lagen die
Punktwerte für die durchschnittlichen Veränderungen in der
Kontrollgruppe bei 10 von 19 Patienten (53 % im Bereich einer
Progression der Koronarsklerose, bei 8 Patienten (darunter allen vier
Frauen) im Bereich einer. Regression, und bei einem Patienten zeigten
sich keine Veränderungen.
In der Versuchsgruppe wie in der
gesamten Studiengruppe bestand ein deutlicher Zusammenhang zwischen der
Änderung der Lebensweise und den Gefäßveränderungen nach Art einer
"Dosis-Wirkungs-Beziehung", die auf einen Kausalzusammenhang schließen
läßt. Die Unterschiede in der Befolgung der Empfehlungen insgesamt
können zur Genüge die beobachteten Unterschiede der prozentualen
Stenosendurchmesser erklären. Um festzustellen, ob die Einhaltung des
Programms mit den Gefäßveränderungen in Beziehung stand, wurden die
Versuchsgruppe und die kombinierte Studiengruppe entsprechend den
jeweiligen Punktwerten in Tertile eingeteilt. Dabei zeigte sich eine
direkte Wechselbeziehung zwischen dem Befolgungsgrad und den
Veränderungen der prozentualen Stenosendurchmesser.
Diskussion
Wie diese klinische Studie zeigt, kann eine heterogene Gruppe von
Patienten mit koronarer Herzkrankheit dazu bewogen werden, mindestens
ein Jahr lang ihren Lebensstil außerhalb des Krankenhauses weitgehend
umzustellen. Die Serum-Lipidspiegel ändern sich in gleicher Weise wie
bei Verwendung cholesterolsenkender Medikamente. Der Eingriff in die
Lebensgewohnheiten ist unbedenklich und verträgt sich auch mit anderen
Methoden zur Behandlung der koronaren Herzkrankheit.
Nach
einem Jahr zeigte sich bei den Patienten der Versuchsgruppe eine
deutliche Gesamtrückbildung der Koronarsklerose, wie die quantitative
Koronarangiographie erkennen ließ. Da sich die Koronarsklerose über
Jahrzehnte entwickelt, kann man in nur einem Jahr keine größeren
Veränderungen erwarten. Die Perfusion ändert sich mit der 4. Potenz des
Durchmessers der Koronararterie, so daß bereits eine geringfügige
Regression in einer kritisch stenosierten Arterie großen Einfluß auf
die Myokardperfusion und damit auf den funktionellen Status hat. Im
Gegensatz dazu zeigte sich bei den Patienten der normal betreuten
Kontrollgruppe, die weniger umfassende Änderungen ihres Lebensstils
vornahmen, eine deutliche allgemeine Progression der Koronarsklerose.
Dieser Befund läßt darauf schließen, daß die üblichen Empfehlungen (zum
Beispiel eine Diät mit 30 % Fett) nicht ausreichend sind, um bei vielen
Patienten eine Regression herbeizuführen.
Wie die enge
Beziehung zwischen Einhaltung des Programms und Änderung der
Gefäßschäden zeigte, mußten die meisten Patienten die vorgeschlagene
Umstellung ihrer Lebensweise befolgen, wenn eine Rückbildung der
Stenosen erreicht werden sollte. Diejenigen Patienten, die die größten
Veränderungen vornahmen, erfuhren auch die größte Besserung. Da der
Grad der Stenosenrückbildung mit dem Ausmaß der Änderung des
Lebensstils in allen seinen Teilbereichen zusammenhing, kann eine
geringe Umstellung der Lebensführung die Progression der
Koronarsklerose zwar verlangsamen, um sie aber zum Stillstand oder zur
Rückbildung zu bringen, bedarf es einschneidender Veränderungen.
Die fünf Frauen in unserer Studie (eine in der Versuchsgruppe, vier in
der Kontrollgruppe), waren bemerkenswerte Ausnahmen. Alle fünf hatten
ihre Lebensgewohnheiten nur mäßig geändert, und dennoch kam es bei
ihnen zu völliger Regression. Alle fünf befanden sich in der
Postmenopause, und keine von ihnen nahm Östrogene ein. Bei den vier
Frauen der Kontrollgruppe war die Rückbildung stärker als bei
irgendeinem Mann derselben Gruppe, obwohl etliche Männer beträchtliche
Veränderungen ihres Lebensstils vorgenommen hatten. Die Anzahl der
Frauen ist zwar gering, diese Befunde lassen aber vermuten, daß
Progression und Regression der Atherosklerose auch geschlechtsabhängig
sein können. Weitere Studien müssen klären, ob sich bei Frauen, die
Koronarsklerose schon bei geringeren Lebensstilveränderungen
zurückbilden kann als bei Männern.
Bei fünf Männern der
Kontrollgruppe war eine ganz leichte Regression der Atherosklerose zu
erkennen. Diese Patienten hatten häufiger und über längere Zeit Übungen
durchgeführt und weniger Kalorien wie auch Cholesterin zu sich genommen
als die Patienten der Kontrollgruppe, bei denen eine Progredienz der
Atherosklerose zu Verzeichnen war.
Wir konnten feststellen, daß die erheblich
stenosierten Gefäße den höchsten Besserungsgrad aufwiesen. Wenngleich
wir das Gegenteil erwartet hatten, ist dieser Befund doch insofern
wichtig, als die schweren Stenosen klinisch am bedeutendsten sind.
Weiteren Untersuchungen wird es vorbehalten bleiben, zu bestimmen, in
weichem Ausmaß das Verhältnis zwischen Änderung und Ausgangspunkt der
Läsionen durch das Phänomen der Regression beeinflußt wird. Diät,
Bewegung, emotionaler Streß und Rauchen haben im Zusammenhang mit der
Pathogenese der koronaren Herzkrankheit zunehmende Bedeutung erlangt,
dagegen wurde bis vor kurzem über eine Regression der Atherosklerose
nur begrenzt oder vereinzelt berichtet. Beispielsweise gibt es
Fallberichte über eine Rückbildung atherosklerotischer Veränderungen in
den femoralen und renalen Arterien sowie einen Fallbericht über eine
spontane Regression in einer Koronararterie. Verschiedene Studien haben
jedoch ergeben, daß sich eine Koronarsklerose auch spontan, ohne
Lebensstiländerung oder medikamentöse Therapie, zurückbilden kann.
Daher müssen Interventionsstudien kontrolliert durchgeführt werden.
Bisher sind nur zwei andere randomisierte kontrollierte Studien
veröffentlicht worden, die eine Regression der Koronarsklerose
nachgewiesen haben. In beiden Studien waren primär cholesterolsenkende
Medikamente eingesetzt worden.
Einige wichtige Fragen bleiben
unbeantwortet. Können diese umfassenden Änderungen des Lebensstils von
größeren Patientengruppen mit koronarer Herzkrankheit durchgehalten
werden? Der Kernpunkt unserer Studie war festzustellen, was richtig,
nicht, was praktikabel ist. Die Kontrolle der Programmeinhaltung und
die angiographischen Befunde deuten darauf hin, daß die Empfehlungen
zur Änderung der Lebensweise strikt befolgt werden müssen, wenn eine
allgemeine Rückbildung einsetzen soll. Freilich können auch schon
geringere Lebensstiländerungen einige vorteilhafte Wirkungen haben.
Erst in weiteren Untersuchungen wird sich bestimmen lassen müssen,
weichen relativen Anteil jede Komponente des Programms zur
Lebensstiländerung hat und welche Mechanismen den Veränderungen der
Koronarsklerose zugrundeliegen. Interessant wäre auch zu prüfen, wie
sich die Veränderung des Lebensstils bei einer größeren Anzahl
postmenopausaler Frauen auswirkt, die an Atherosklerose leiden. Ebenso
könnten direkte Vergleiche zwischen einer einschneidenden Umstellung
der Lebensweise und pharmakologischen oder chirurgischen Interventionen
von Interesse sein. Unsere Studie läßt den Schluß zu, daß eine
umfassende Änderung des Lebensstils einen Rückgang der Koronarsklerose
nach nur einem Jahr einleiten kann.
