Das Ornish-Programm
Vortrag von Dr. Dean Ornish (Sausalito Kalifornien)
in Bad Dürrheim Schwarzwald am 2. November 1996
anläßlich der Verleihung der Ludwig-Beckmann-Medaille
der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Kreislauferkrankungen. (übersetzt und herausgegeben vom Deutschen Wellness Verband)
Ich
möchte Ihnen eine kurze Zusammenfassung von mehr als 20 Jahren Arbeit
geben. Ich möchte auch, dass genügend Zeit für Fragen und Diskussion
bleibt, denn ich weiss, dass Sie fragen und Anmerkungen auf dem Herzen
haben.
Jedesmal, wenn ich einen Vortrag halte, egal ob für
Patienten oder für Ärzte, zeige ich zuerst ein Bild. In nur einem Bild
ist alles ausgesagt, worum es in meiner Arbeit geht.
(Das
Bild zeigt ein Waschbecken, in dem das Wasser überläuft und dabei den
ganzen Boden überschwemmt. Aus dem Wasserhahn läuft ununterbrochen
Wasser und strömt über den Beckenrand. Es zeigt außerdem zwei Ärzte,
die unermüdlich den Boden aufwischen.)
Es wäre besser,
einfach den Wasserhahn zuzudrehen, als immer wieder von neuem den Boden
aufzuwischen. Manchmal ist es gut, den Boden aufzuwischen; manchmal
braucht man einfach einen Bypass. Aber selbst wenn das notwendig ist,
wird dabei nur vorübergehend das Problem und nicht die Ursache
behandelt.
Wenn wir nicht die tieferliegenden Ursachen - in
diesem Fall der Herzkrankheit - angehen, werden wir es immer wieder mit
denselben Problemen zu tun haben, werden wir weiterhin mit anderen,
neuen Problemen konfrontiert oder müssen noch schmerzhaftere
Erfahrungen machen. Genau das ist das Thema meiner gesamten Arbeit:
Wenn man die Ursachen der Herzkrankheit behandelt, entspricht dies dem
Zudrehen des Wasserhahns.
Die tieferliegenden Ursachen der koronaren Herzkrankheit sind:
eine
falsche Ernährung, fehlende Bewegung, Rauchen, Streß und Isolation.
Wenn wir das Problem bei den Ursachen packen, stellen wir fest, daß Ihr
Körper eine bemerkenswerte Fähigkeit besitzt, sich selbst zu heilen.
Und das geht viel schneller, als wir es früher (in der Forschung)
jemals für möglich gehalten hätten.
Wie Sie wissen,
beinhaltet unser Herzprogramm eine besondere Ernährung, Übungen zur
Streßbewältigung, Nikotinabstinenz, moderates Bewegungstraining sowie
psychosoziale Unterstützung in Gesprächsgruppen.
Ich habe
vor 19 Jahren zum ersten Mal an ein solches Programm gedacht. Damals
war ich noch Medizinstudent und lernte bei Dr. DeSakey, einem berühmten
amerikanischen Herzchirurgen, Bypassoperationen durchzuführen.
Ich konnte keinen Gefallen an dieser Methode finden. Denn wir haben
Menschen aufgeschnitten und haben deren blockierten Arterien mit einem
Bypass umgangen. Diese Menschen kehrten dann nach Hause zurück,
rauchten weiter, aßen weiterhin sehr fettreich, verminderten ihren
Streß nicht und kümmerten sich auch nicht um mehr körperliche Bewegung.
In vielen Fällen haben wir sie später auf dem Operationstisch
wiedergesehen, weil sich ihre Bypässe wieder verschlossen hatten.
Diese Tatsache wurde für mich zu einer Metapher für eine unvollständige
Methode, nämlich wortwörtlich das Problem zu umgehen (Bypass heißt auf
Deutsch Umgehung) ohne die Ursache zu behandeln.
Ich habe
mich damals gefragt: Was geschieht, wenn man an die Ursachen herangeht?
Um diese Frage zu beantworten, suchte ich mir zunächst zehn Patienten
und ging mit ihnen für einen Monat in ein Hotel, in dem sie nach meinem
Programm zur Lebensstiländerung lebten.
Wir fanden heraus,
daß diese Menschen sich sehr schnell viel besser fühlten und auch die
Schmerzen in der Brust sehr schnell nachließen. Bei den meisten
Patienten war die Angina Pectoris nach nur wenigen Wochen komplett
verschwunden.
Wir fanden vor allen Dingen durch
wissenschaftliche Untersuchungen und Messungen heraus, daß die
Patienten sich nicht nur subjektiv gesünder fühlten, sondern daß sie in
den meisten Fällen auch tatsächlich gesünder waren.
Auf der
folgenden Abbildung sehen Sie eine Thallium-Szintigraphie eines
Patienten. Wir konnten damit zum ersten Mal zeigen, daß die koronare
Herzkrankheit vielleicht heilbar ist und sich Blockaden in den
Herzarterien vielleicht zurückbilden können. Nachdem ich 1980 mein
Medizinstudium beendet hatte, führten wir eine weitere Forschungsstudie
durch. Diesmal randomisierten wir die Studie, das heißt, wir richteten
neben der eine Kontrollgruppe ein, um die Ergebnisse der Blockaden
schneller entwickeln, daß Ihre Arterien Studie wissenschaftlich besser
zu fundieren und damit unsere Anerkennung in wissenschaftlichen Kreisen
zu gewinnen.
Wir konnten feststellen, dass es den Patienten,
die das Programm befolgten, innerhalb weniger Wochen besser, der
Kontrollgruppe hingegen schlechter ging. Der Unterschied zwischen
diesen beiden Gruppen war wirklich bedeutend. Wir haben die Ergebnisse
dann auch im "Journal of the American Medical Association"
veröffentlichen können (große Fachzeitschrift des amerikanischen
Ärzteverbandes).
Wie ist es möglich, dass Menschen in so kurzer Zeit gesünder werden?
Schauen
Sie auf dieses Bild: Dies ist Ihr Herz. Wie Sie wissen, pumpt das Herz
Blut in den Körper. Bevor es das tut, pumpt es allerdings zuerst Blut
in die Koronararterien, um sich selbst zu versorgen. Es ist eine schöne
Metapher: Das Herz kümmert sich erst um sich selbst, um sich danach
besser um den Rest des Körpers kümmern zu können.
Wenn nun
eine dieser Arterien blockiert wird, dann bekommt alles unterhalb der
Blockierung in diesem Teil des Herzens nicht genug Blut und somit auch
nicht genügend Sauerstoff, denn der Sauerstoff ist im Blut enthalten.
Wenn dieser Zustand nur vorübergehend ist, dann bekommen Sie lediglich
Schmerzen (Angina Pectoris). Wenn der Zustand aber für mehrere Stunden
anhält, beginnt ein Teil des Herzmuskels abzusterben, weil ihm das
lebenswichtige Blut vorenthalten wird.
In einem solchen Fall
sprechen wir von einem Herzinfarkt. Auf der nächsten Abbildung sehen
Sie, wie eine Arterie aussieht, wenn sie der Länge nach aufgeschnitten
ist. Es gibt unterschiedliche Mechanismen, die die Herzkrankheit
ausmachen: Bei den meisten Patienten ist ein Belag festzustellen
(Verkalkung der Arterien: Arteriosklerose). Arterien können sich auch
zusammenziehen, sich verkrampfen. Oder aber Blutplättchen verklumpen
sich und blockieren teilweise oder gänzlich die Arterie. All diese
Mechanismen stehen in direkter Verbindung zu der Ernährungsweise und
der Wahl des Lebensstils, über den wir Menschen alltäglich selbst
entscheiden.
Wenn Sie mehr Fett und Cholesterin zu sich
nehmen, als Ihr Körper verarbeiten kann, wird es in den Arterien enden.
Es muß ja irgendwo bleiben. Selbst eine einzige Mahlzeit, die
reichhaltig an Fett und Cholesterin ist, kann dazu führen, daß die
Arterien sich zusammenziehen und die Blutplättchen verklumpen, was den
Fluß des Blutes zum Herzen gefährden kann. Emotionaler Streß kann dazu
führen, daß sich Blockaden schneller entwickeln, daß Ihre Arterien sich
zusammenziehen und daß die Klümpchenbildung im Blut sich beschleunigt.
Auch Nikotin in Zigaretten oder Koffein können einen Herzinfarkt verursachen.
Wenn Sie diese Faktoren verändern bzw. ausschalten, kann Ihr Körper
damit beginnen, sich zu heilen. Ihr Körper und Ihr Herz haben eine
bemerkenswerte Kapazität, sich selbst zu heilen. Wenn Sie dreimal
täglich mehr Fett und Cholesterin zu sich nehmen, als Ihr Körper
verwerten kann, muß das irgendwo bleiben. Wenn Sie damit aufhören, kann
Ihr Körper beginnen, diesen Überfluß abzubauen.
Mein Programm
basiert nicht auf etwas Magischem, was Ihnen geschieht und was Sie
selbst nicht beeinflussen können. Es basiert schlicht auf der
Behandlung der Ursachen Ihrer Krankheit. Es geht also darum, den
Wasserhahn zuzudrehen. Eine weitere Abbildung zeigt eine mikroskopische
Aufnahme des Blutes.
So sieht Ihr Blutfett circa vier
Stunden nach dem Verzehr eines Cheeseburgers aus: Sie sehen große,
gelbe Fettmoleküle, Sie sehen die viel kleineren roten Blutzellen und
Sie sehen die arteriosklerotischen Ablagerungen. Ich zeige das nächste
Bild, um zu betonen, wie schnell Veränderungen eintreten können: Dies
ist ein Foto von Präsident Clinton und mir. Ich habe mit Bill Clinton
als einer seiner ärztlichen Berater zusammengearbeitet. Heute ißt er
Hamburger aus Soja statt Cheeseburger aus Fleisch und Käse. Wenn er es
schafft, dann schaffen Sie es auch!
Meine nächste Studie trug den Titel "The Lifestyle Heart Trial" (deutsch: die Lebensstil-Herzstudie).

In
dieser Studie stellten wir fest, daß die Häufigkeit von Angina Pectoris
um 91 Prozent zurückging. Die Verbesserung fand in den ersten Wochen
statt und blieb auch während der folgenden vier Jahre der Studie
erhalten. Wir stellten auch fest, daß die Cholesterinwerte um fast 40
Prozent fielen. Was vielleicht am wichtigsten ist: Bei den Patienten
der Kontrollgruppe beobachteten wir, daß die Ablagerungen in ihren
Herzarterien nach einem Jahr zugenommen hatten. Vier Jahre später hatte
sich ihr Zustand noch weiter verschlechtert.
Das geschah,
obwohl sie die Anweisungen ihrer Ärzte befolgt hatten. Diese Ärzte
hatten ihren Patienten geraten, eine moderate Diät einzuhalten und zwar
weniger Fleisch, mehr Fisch und Huhn zu sich zu nehmen, die Haut bei
Geflügel zu entfernen usw. Sie kennen diese Ratschläge. Das ist nicht
genug, um die koronare Herzkrankheit aufzuhalten. Wir haben in unseren
Studien herausgefunden, daß unsere Patienten nicht kränker, sondern im
Durchschnitt immer gesünder wurden. Nach einem Jahr zeigte sich in
ihren Arterien eine Rückbildung der Ablagerungen, nach vier Jahren
hatte sich ihr Gefäßdurchmesser noch weiter verbessert. Ich glaube, daß
diese Erkenntnisse vielen Menschen neue Hoffnung geben und ihnen neue
Möglichkeiten bieten, die sie vorher nicht hatten.
Wir haben
außerdem herausgefunden, daß die beste Voraussage für Besserung die
Fähigkeit der Patienten zur Änderung war. Je mehr sich ein Patient in
seinem Verhalten und seinen Einstellungen änderte (zum Beispiel ruhiger
wurde, sich als Teil einer Gemeinschaft sehen konnte, sein Eßverhalten
umstellte usw.), desto gesünder wurde er. Es kam nicht darauf an, wie
alt oder wie krank die Patienten waren, sondern es kam darauf an, wie
sehr sie ihr Verhalten geändert hatten, also wie sehr sie ihren
Lebensstil verändert hatten. Das ist eine sehr hoffnungsvolle
Nachricht, denn sie bedeutet, daß Sie, wenn Sie diese Veränderungen
machen wollen, gesünder werden können! Es gibt keine Garantie dafür, ab
es gibt ja auch sonst keine Garantien im Leben. Dennoch konnten die
meisten Teilnehmer in unserer Studie feststellen: Je mehr sie ihre
Verhaltensweise geändert hatten, um so besser ging es ihnen
gesundheitlich.
Wir haben außerdem herausgefunden, dass die
beste Voraussage für Besserung die Fähigkeit der Patienten zur Änderung
war. Je mehr sich ein Patient in seinem Verhalten und seinen
Einstellungen änderte (zum Beispiel ruhiger wurde, sich als Teil einer
Gemeinschaft sehen konnte, sein Essverhalten umstellte usw.), desto
gesünder wurde er. Es kam nicht darauf an, wie alt oder wie krank die
Patienten waren, sondern es kam darauf an, wie sehr sie ihr Verhalten
geändert hatten, also wie sehr sie ihren Lebensstil verändert hatten.
Das ist eine sehr hoffnungsvolle Nachricht, denn sie bedeutet, dass
Sie, wenn Sie diese Veränderungen machen wollen, gesünder werden können!
Es
gibt keine Garantie dafür, ab es gibt ja auch sonst keine Garantien im
Leben. Dennoch konnten die meisten Teilnehmer in unserer Studie
feststellen: Je mehr sie ihre Verhaltensweise geändert hatten, um so
besser ging es ihnen gesundheitlich.
(Die nächste Abbildung zeigt zwei ältere Herren im Schulterstand, einer Yoga-Übung)
Hier sehen Sie zwei Patienten aus New York. Zwei Brüder. Der Jüngere
ist erst 88, der ältere Bruder ist 93 Jahre alt. Das war ihre
Weihnachtskarte vor zwei Jahren an mich. Das nächste Bild zeigt die
Karte, die ich von dem beiden vergangenes Jahr bekam. Sie wollten mir
zeigen, wie sehr das Programm bei ihnen gewirkt hatte (das Bild zeigte
die Brüder in einer Trickphotographie bei einem Handstand auf einem
Finger). Nun ja, man kann ja nie wissen, was dieses Programm so alles
bewirken kann ...
In der Lebensstil-Herzstudie führten wir
Herzkatheter-Untersuchungen durch, um die Ablagerungen in den Arterien
messen zu können. Auf dem nächsten Bild sehen Sie die Entwicklung - zu
Beginn und nach einem Jahr. Sie können sehen, daß nach einem Jahr
Programmdurchführung schon mehr Platz im Gefäß vorhanden ist, also
weniger Ablagerungen als vorher.
Diese kleine Veränderung in
den Arterien kann eine große Wirkung auf den Blutfluß haben. Um den
Blutfluß bei diesem Patienten zu messen, haben wie eine
PET-Scan-Untersuchung vorgenommen. Wie Sie hier auf dem nächsten Bild
sehen, hat der Blutfluß sich von einem Minimum hin zu einem Maximum
entwickelt. Man kann an diesem Beispiel sehen, daß in nur einem Jahr
eine geringe Öffnung der Arterie großen Einfluß auf die Verbesserung
des Blutflusses hatte. Sie sehen: Es kommt wirklich auf Sie selbst an!
Das
nächste Bild zeigt eine Arzt-Patienten-Situation: Der Chirurg sagt zum
Patienten: "Ich kann Sie operieren oder ich setze Sie auf eine ganz
strikte Diät." Der Patient antwortet: "Oh, dann operieren Sie mich
lieber, denn eine Ernährungsumstellung würde meine Krankenversicherung
nicht bezahlen."

In
der Vergangenheit haben Krankenversicherungen nicht für
Lebensstiländerung und Ernährungsumstellung gezahlt. Sie zahlten 50 000
Dollar für eine Bypassoperation oder 20 000 Dollar für eine
Ballondilatation, aber für Programme wie dieses hier wollten sie nichts
bezahlen, da dies unter Prävention fällt und die amerikanischen
Krankenversicherungen keine Finanzierung dafür übernehmen.
Wie
ich hörte, wollen die deutschen Krankenkassen nicht mehr für die
Prävention von Krankheiten aufkommen. Das finde ich wirklich sehr
bedauerlich. Vielleicht können Sie Ihren Politikern schreiben und
fordern, daß weiterhin Prävention gefördert wird, denn das ist auch in
ökonomischer Hinsicht sinnvoll. In den USA sind wir an die
Versicherungsgesellschaften herangetreten und haben mit ihnen
verhandelt.
Unsere Argumente für eine Förderung unseres
Programms waren folgende: Dieses Programm bedeutet nicht nur Prävention
von Herzkrankheiten, sondern es ist auch eine Alternative zu den
bestehenden Behandlungsmethoden von Herzkrankheiten, und zwar eine sehr
viel kostengünstigere Alternative. Jedes Jahr werden in den USA
Milliarden von Dollar für Bypässe oder Ballondilatationen ausgegeben.
Die Versicherungsgesellschaften entgegneten uns daraufhin, daß sie
nicht für die Prävention von Herzkrankheiten aufkommen, denn Erfolge
zeigen sich vielleicht erst in fünf oder zehn Jahren - und dann haben
die Patienten vielleicht schon die Versicherung gewechselt.
Wir mußten nochmals wiederholen, daß unser Programm nicht nur
Prävention, sondern auch Intervention bedeutet, also herzkranke
Menschen mit diesem Programm erfolgreich behandelt werden können. Wir
konnten den Versicherungen klar machen, daß sie an jedem Patienten, der
unserem Programm folgt und deshalb keine Bypassoperation benötigt,
sofort 50 000 Dollar sparen. Das sind echte Dollar, die heute gespart
werden können und nicht erst in einigen Jahren. Selbst größere
Einsparungen sind möglich, wenn man bedenkt, daß die meisten
Herzpatienten mehr als nur einen Bypass benötigen.
Die
Versicherungsgesellschaften wurden nun hellhörig, waren aber der
Meinung, daß unsere Methode zu schwierig ist und daß niemand wirklich
dieses Programm befolgen würde, daß Patienten nicht konsequent genug
seien. Sie sagten: "Es ist zu schwierig, den Lebensstil zu ändern und
diese strikte Ernährungsumstellung einzuhalten. Dann kommt es so, daß
wir für das Programm aufkommen und später dann doch noch für die
Bypassoperation zahlen müssen." Ich habe der Versicherung entgegnet,
daß man das ja herausfinden kann.
So haben wir also ein
Demonstrations-Netzwerk eingerichtet und sind nun in acht verschiedenen
Kliniken in den USA zu finden. Wir haben herausgefunden, daß circa 90
Prozent der Herzpatienten, die Kandidaten für Bypassoperationen oder
Ballondilatationen waren, diese Eingriffe vermeiden konnten. Dies hatte
zur Konsequenz, daß mehr und mehr Versicherungen nun für das Programm
zahlen. Sie haben festgestellt, daß sie für jeden Dollar, den sie in
das Programm investieren, sechs Dollar sparen können. Heute wird unser
Programm von 25 Versicherungsgesellschaften in den USA gefördert, und
wir hoffen, daß diese Zahl noch ansteigt.
Ich kann zu einer
Krankenversicherung gehen und über Liebe und Mitgefühl, über "Öffne
Dein Herz" reden - und man wird mich höchstwahrscheinlich hinauswerfen.
Aber wenn man den Versicherungen klare Fakten präsentiert und beweisen
kann, daß sie für jeden Dollar, den sie ausgeben, sechs Dollar
einsparen können, dann wird es sie sofort interessieren. Denn das ist
eine gute Geschäftsentscheidung.
Ich möchte Ihnen nun noch
anhand eines Bildes ein Beispiel eines erfolgreichen Patienten aus
Omaha in Nebraska zeigen. Hier ist nochmals eine PET-Scan-Aufnahme:
Schauen Sie auf der zweiten Abbildung, wieviel besser es nach einem
Jahr ist. Die Entwicklung bei diesem Herzpatienten hat sich sichtlich
verbessert. Bei diesem Patienten haben wir durch ein weiteres
Testverfahren herausgefunden, wieviel vom Herzmuskel noch lebte oder
bereits abgestorben war.
Wir haben festgestellt, daß die
Teile, die vorher wie abgestorben gewirkt hatten, nun wieder lebendig
geworden waren und begonnen hatten, wieder normal zu arbeiten. Es
handelt sich hierbei um einen Mann, der auf der Warteliste für eine
Herztransplantation stand. Dadurch, daß dieser Patient seinen
Lebensstil änderte, war die Transplantation nicht mehr nötig und die
Krankenversicherung dieses Mannes sparte in seinem Fall circa 300 000
Dollar. Bis jetzt hatten wir zwei solcher Fälle in den USA.
Nun
möchte ich weg vom organischen Herzen, dem Herzen als Pumpe, und statt
dessen über das Herz sprechen, das viel mehr ist als nur eine
funktionelle Pumpe. Überall in der Musik, in der Kunst, in der
Literatur, in Liedern und Gedichten würde niemand über das Herz im
Sinne einer Pumpe sprechen. Es wird vielmehr vom Herz als dem Symbol
der Liebe und des Mitgefühls, von Altruismus, Mut und Weisheit
gesprochen. Wir sprechen im Amerikanischen von unseren Sweethearts'
(deutsch: süße Herzen = Lieblinge) und nicht von unseren Sweetpumps'
(deutsch: süße Pumpen).
Das Herz ist eine Pumpe und wir
müssen uns damit auf der physischen Ebene auseinandersetzen, wenn nötig
durch Operation und Medikamente. Wir müssen jedoch auf einer tieferen
Ebene arbeiten, wenn wir wirklich Heiler sein wollen und nicht nur
Techniker und Mechaniker.
Wir haben in unserer Arbeit
gelernt, daß es sehr schwer für Menschen ist, ihren Lebensstil zu
ändern, wenn sie nicht in tiefere Schichten vordringen.
In
unserem Land - und vielleicht auch in Ihrem ist die wirkliche Krankheit
nicht nur die physische Krankheit, sondern auch das, was ich die
emotionale und spirituelle Herzkrankheit nenne. Und damit meine ich
dann auch Krankheiten wie Einsamkeit, Isolation, Feindseligkeit und
Depression, die so verbreitet sind und mit dem Zusammenbruch der
sozialen Netzwerke zu tun haben. Früher gab es ein soziales Netzwerk,
das den Menschen das Gefühl und den Sinn für Verbundenheit und
Gemeinschaft geben konnte. Ich bin etwas neugierig: Wieviele unter
Ihnen können folgende vier Fragen mit Ja beantworten:
1 .
Leben Sie immer noch in demselben Stadtteil, in dem Sie geboren und
aufgezogen wurden? Haben Sie noch die gleichen Nachbarn?
2. Haben
Sie seit mindestens zehn Jahren denselben Arbeitsplatz und kennen auch
seit genauso langer Zeit Ihre heutigen Kollegen?
3. Gehen Sie immer noch in dieselbe Kirche wie vor zehn Jahren?
4. Haben Sie eine große Familie, die in Ihrer Nähe wohnt und mit der Sie in regem Kontakt stehen?
Niemand? Ah, ein, zwei Leute melden sich. Das ist ungefähr das gleiche
Ergebnis wie in den USA. Vor circa 50 Jahren hätten hier wahrscheinlich
80 Prozent die Hand gehoben. Nun, was macht das für einen Unterschied?
Was hat das mit Herzkrankheit zu tun?
Es gibt überall sehr
viele einsame und deprimierte Menschen. Wenn Sie nun diesen Menschen
erzählen, daß sie mit unserem Programm länger leben können, so wird sie
das wenig beeindrucken und keine große Wirkung auf sie haben. Wer
möchte schon länger leben, wenn er wirklich unglücklich, depressiv und
einsam ist? Wir müssen tiefer gehen. Menschen nur einfach Informationen
zu geben, reicht nicht aus. Ich kann mir vorstellen, daß alle hier im
Raum schon einmal gehört haben, daß Rauchen schädlich ist - und
trotzdem rauchen unter Ihnen noch immer einige. Warum? Nicht weil sie
es nicht besser wüßten.
Als ich mit dieser Forschungsarbeit
begann, wurde mir die Möglichkeit gegeben, viele Jahre mit ein und
derselben Gruppe von Herzpatienten zu verbringen. Wir haben uns also
sehr gut kennengelernt. Ich habe ihnen die Frage gestellt: "Warum
raucht ihr, warum trinkt ihr zuviel, warum arbeitet ihr zuviel, warum
nehmt ihr Drogen, warum guckt ihr soviel Fernsehen? Warum macht ihr all
diese Dinge? Ich finde es nicht richtig, diese Dinge zu tun!" Sie haben
geantwortet:" Du verstehst das nicht. Diese Sachen sind nicht
unangebracht, sondern für uns genau richtig, denn sie helfen uns, durch
den Tag zu kommen."
Es ist für viele Menschen wichtiger,
durch den Tag zu kommen, als sich mit der Frage zu befassen, wie alt
sie nun werden. Die Aussicht, 86 Jahre anstatt 80 Jahre zu leben,
motiviert diese Menschen nicht. Eine Frau aus unserer Studie sagte
einmal: "Ich habe hier 20 Freunde in dieser Zigarettenschachtel, und
sie sind immer für mich da, wenn sonst keiner für mich da ist. Willst
du sie mir wegnehmen? Was gibst du mir dafür?"
Oder manche
Menschen haben das Essen als Freund, sie essen zu viel, um etwas zu
füllen, um die Einsamkeit zu verdrängen, oder aber sie trinken zu viel
Alkohol, damit sie ihren emotionalen Schmerz und ihre Depressionen
nicht mehr spüren müssen. Für viele Menschen ist auch Arbeit eine
Droge, um sich von ihrem Schmerz abzulenken. Es gibt vielfältige
Möglichkeiten, die wir benutzen, um uns abzulenken, zum Beispiel zuviel
fernsehen, und es gibt viele Möglichkeiten, uns von dem inneren Schmerz
abzulenken.
In unserem Programm geht es darum, den Schmerz zu
beachten, ihm unsere Aufmerksamkeit zu schenken und nach Ursachen zu
fragen. Unser Schmerz ist eine Botschaft. Wenn Sie das Leiden
ignorieren und abtöten, ohne nach den Ursachen zu fragen, die sich
dahinter verbergen, dann ist es so, als ob Sie die Leitung des
Feuermelders durchschneiden und zurück ins Bett gehen, während Ihr Haus
abbrennt. Der Schmerz ist wie der Feuermelder - er ist dazu da, uns
aufzurütteln. Es geht um die Botschaft hinter dem Problem (in unserem
Fall Herzkrankheit) und nicht vorrangig um das Problem selbst.
Wir
bitten die Menschen in unserem Programm, nun auf ihren Schmerz zu hören
und Techniken zu benutzen, die den Körper und den Geist so beruhigen,
daß sie wieder Frieden und Freude am Leben erfahren können. Unsere
Patienten haben ihren Körper und Geist beruhigt, so daß sie das, was in
ihnen immer vorhanden war, was sie aber ständig zu stören pflegten,
erfahren konnten: den reinen Frieden und ein vollkommenes Wohlbefinden.

Streßbewältigungstechniken.
Sie sind machtvolle Werkzeuge, die zu einer tiefgehenden Veränderung
führen können, um unser Leiden zu Freude und unsere Isolation zu
Gemeinschaft zu wandeln. Es finden unterstützende Gruppentreffen statt,
bei denen die Teilnehmer ermutigt werden, über ihre wirklichen Gefühle
und Empfindungen zu sprechen. Das findet innerhalb einer
unterstützenden Atmosphäre statt, in der keine Bewertungen, Kritiken,
Zurückweisungen oder Spott befürchtet werden müssen.
In jeder
Studie, die wir durchgeführt haben, und auch in dieser Studie aus dem
"American Journal if Medicine", zeigt sich immer wieder dasselbe:
Menschen, die sich einsam und isoliert fühlen, haben eine mehr als
viermal so hohe Sterblichkeitsrate verglichen mit denjenigen, die sich
mit anderen Menschen verbunden fühlen und in einer Gemeinschaft mit
anderen leben. Mächtige Unterschiede - überall auf der Weit.
Das
nächste Bild zeigt eine Studie, die sich mit Überleben und
Sterblichkeit beschäftigt: Die Menschen, die unverheiratet waren und
niemanden zum Gespräch hatten, keinen Vertrauten oder Partner, hatten
eine sehr viel höhere Sterblichkeitsrate als diejenigen, die sich über
ihre Gefühle und inneren Vorgänge - über das, was ihnen am Herzen lag,
mit einer nahestehenden Person unterhalten konnten. Das gleiche
Phänomen findet sich bei anderen Krankheiten, nicht nur bei
Herzkrankheiten. Es gibt zum Beispiel auch eine entsprechende Studie
über Frauen mit Brustkrebs.
Die krebskranken Frauen wurden per
Zufallsprinzip in zwei Gruppen (randomisiert) aufgeteilt. In beiden
Gruppen wurden die gleichen konventionellen Krebsbehandlungen
durchgeführt: Bestrahlung, Chemotherapie und Operationen. Zusätzlich
traf sich eine der Gruppen von Frauen ganz einfach nur einmal pro Woche
für 90 Minuten in einer unterstützenden Gesprächsgruppe, um in einer
vertrauensvollen Atmosphäre über ihre Gefühle zu sprechen, in einer
Atmosphäre, in der sie sich sicher und aufgehoben fühlten und keine
Angst vor Bewertung und Kritik haben mussten oder davor, sich
lächerlich zu machen.
Diese Gruppe traf sich in dieser Form
über ein Jahr lang. Fünf Jahre später zeigten die Ergebnisse folgendes:
Die Frauen, die sich wöchentlich in der Gruppe getroffen hatten, lebten
wesentlich länger als die Frauen aus der Vergleichsgruppe, die sich
nicht in einer Gruppe trafen. Alle Frauen aus dieser Kontrollgruppe
waren bereits gestorben. Die einzigen Frauen, die noch lebten, waren
diejenigen, die sich regelmäßig in der Gruppe getroffen hatten.
Wie kommt es, dass es einen so mächtigen Unterschied ausmacht, nur über
die Gefühle zu reden? Und zwar nicht nur einen Unterschied in Ihrem
Befinden, sondern auch in der Dauer Ihres Lebens? Ich glaube, es kommt
daher, dass wir soziale Wesen sind. Wir haben als menschliche Spezies
über Tausende von Jahren überlebt, weil wir wussten, was wir aneinander
haben.
Wir haben einen natürlichen Sinn für die Gemeinschaft
und die mitmenschliche Verbindung. In den letzten 50 Jahren hat sich
dieser Sinn verschoben und er verschlechtert sich in vielerlei Hinsicht
immer weiter: Das Auseinanderbrechen in immer kleinere Gruppen, die
Kriminalisierung und Zersplitterung der Welt. Unglücklicherweise
bewegen wir uns immer mehr in die Richtung von Isolation und weniger in
die Richtung von Gemeinschaften.
Der erste Schritt in Richtung
Heilung ist, das Problem zu verstehen. Ich spreche von der Heilung des
Herzens. Nicht nur die Heilung des physischen Herzens, welche wir
messen können, sondern die Heilung, die sich schwieriger messen lässt,
aber um so bedeutender ist: die Heilung des emotionalen Herzens, des
psychologischen Herzens, des spirituellen Herzens. Und der erste
Schritt für die Heilung ist, zu verstehen, was das eigentliche Problem
ist. Wenn wir zeigen können, welchen Einfluss all das auf unser
Überleben hat, dann können wir uns fragen, was wir tun müssen, um unser
verlorenes Verständnis von Verbundenheit und Gemeinschaft wieder zu
erlangen.
Dr. Brusis, Dr. Siegrist, Lutz Hertel und andere
Menschen beginnen damit, Programme wie diese durchzuführen. Sie sind
sehr gute Ressourcen für Sie! Aber darüber hinaus können Sie selbst
sehr viel bewirken. In Ihrer eigenen Familie, in Ihrem eigenen Umfeld,
wenn Sie lernen können, Ihre emotionale Abwehr abzubauen und mit
Menschen, denen Sie vertrauen, darüber reden zu können, wer Sie
wirklich sind und was Sie wirklich fühlen. Das kann eine sehr wirksame
Heilung sein. Und fest steht, dass immer dann, wenn etwas schwieriger
im Leben wird, es auch an Bedeutung gewinnt.
FRAGEN VON HERZPATIENTEN AUS DEM PUBLIKUM
Frage:
Es gibt ein Mittel namens Niacin oder auch Endoracin, das eine Wirkung
gegen hohes Cholesterin verspricht, in Deutschland aber verboten ist.
Frage: Empfiehlt Dr. Ornish diese Mittel?
Ornish: Nicht
empfehlenswert! Es ist noch nicht eingehend auf die Wirkungen hin
geprüft. Wenn der Fragende sich ganz strickt an das Programm hält,
braucht er nicht auf cholesterinsenkende Medikamente zurückzugreifen.
Wenn sein Cholesterinspiegel trotzdem zu hoch bleibt, dann sollte er
seinen Hausarzt besuchen und mit ihm über Medikamente sprechen, die
bereits geprüft sind und sicheren Erfolg versprechen.
Frage: Wie lange habe ich mit der Methode Ballondilatation kombiniert mit einem neuen Stent zu leben?
Ornish:
Danke - ich weiß diese Frage zu schätzen. Nun, ich kann Ihnen leider
nicht vorhersagen, wie lange Sie noch leben werden. Aber das Problem
bei diesen Methoden ist eben bei unserem Beispiel: den Boden ständig
aufzuwischen, anstatt den Wasserhahn zuzudrehen. Denn bei ca. einem
Drittel bis zur Hälfte der dilatierten Engstellen kommt es nach 4 bis 6
Monaten wieder zu einer Restenosierung (deutsch: erneute Verengung).
Ärzte haben nun einen "Stent" entwickelt, der wie eine Feder wirkt und
so die Arterie offen hält. Es gibt leider noch zu wenig Erfahrung mit
dieser Methode, so dass die Langzeitwirkung noch nicht bekannt ist.
Frage: Wirkt das Ornish-Programm auch für Patienten mit einem Herzklappenfehler?
Ornish:
Wir haben nicht viel Erfahrung mit diesem Problem. Mit sind viele
Menschen mit diesem Problem bekannt, die zusätzlich an einer
Arterienerkrankung leiden und die Kombination von Beidem kann besonders
gefährlich - sogar tödlich sein. Das Programm hilft in diesem Fall
nicht unbedingt bei einem Herzklappenfehler, aber es hilft dennoch dem
Rest des Herzens und kann sich somit positiv auf das gesamte Herz
auswirken:
Frage: Was halten Sie von hochpotenzierten Vitaminen als Ernährungsergänzung zu Ihrer Ernährungsempfehlung?
Ornish:
Nun, es kommt immer darauf an. Es kommt darauf an, was sie sonst zu
sich nehmen. Wenn jemand eine sehr fettreiche Nahrung isst und dann
zusätzlich viele Vitamintabletten zu sich nimmt, werden sie ihm nicht
viel nützen. In Ergänzung zu meiner empfohlenen Ernährung genügt eine
Vitamintablette mit Vitamin A, Vitamin E und Vitamin C pro Tag zu
nehmen. Außerdem empfiehlt es sich eine sehr geringe Menge Leinöl zu
sich zu nehmen, etwa die Hälfte eines Teelöffels oder noch weniger.
(Erklärung unter der 6. Frage)
Frage: Wenn der
Cholesterinspiegel relativ in Ordnung ist, kann man dann die
Ornish-Diät nicht etwas abwandeln? Also etwas Fett zu sich nehmen,
etwas Fisch essen und sonst fleischreduziert essen? Reicht das nicht
aus?
Ornish: Nun, es kommt darauf an, wie viel Bypässe Sie
noch gerne hätten....! Jetzt im Ernst: es gibt sehr große Unterschiede
darin, wie gut Menschen Cholesterin und Fett im Körper verarbeiten
können. Manchen fällt es sehr leicht und sie werden 100 Jahre alt,
obwohl sie sich ihr ganzes Leben sehr ungesund ernährt haben. Es gibt
ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten. An dem einen Ende des Spektrums
stehen diejenigen, die das Cholesterin und das Fett sehr gut abbauen
können, so dass es fast egal ist, womit sie sich ernährt haben. Das ist
sehr selten, aber es gibt solche Menschen. Alle anderen Menschen, die
sich so ernährt haben, sterben frühzeitig.
Am anderen Ende
des Spektrums sind die Menschen, die herzkrank sind - Menschen wie Sie.
Im allgemeinen sind Menschen mit einer Herzkrankheit nicht sehr gut
hinsichtlich der Verarbeitung von Fett und Cholesterin. Das ist der
Grund, warum sie herzkrank geworden sind: weil sie mehr Fett und
Cholesterin zu sich genommen haben, als ihr Körper verarbeiten kann.
Eine leicht veränderte Ernährung ist also vielleicht ausreichend für
jemanden, der gesund ist. Bei Ihnen hat sich bereits gezeigt, dass sie
herzkrank sind, und wenn Sie möchten, dass Ihr Bypass offen bleibt,
dann müssen Sie die Ernährungsempfehlungen genau einhalten oder
cholesterinsenkende Medikamente zu sich nehmen.
Frage: Ist es
nötig, ganz auf Fisch zu verzichten? In Deutschland wird
Koronarpatienten Fisch als positives Mittel gegen Herzkrankheit
empfohlen. Was können Sie zu diesem Widerspruch sagen, da bei Ihnen ja
kein Fisch vorgesehen ist?
Ornish: Vielen Dank für diese Frage. Sie bietet mir die Möglichkeit, zu diesem Widerspruch Stellung zu beziehen.
Das
Konzept der Ernährung, die ich empfehle, ist sehr einfach. Es basiert
darauf, Cholesterin fast auf Null zu reduzieren und die Fettaufnahme
auf 10 % zu begrenzen. Ihr Körper stellt das gesamte Cholesterin, das
er benötigt, selbst her. Es ist nicht erforderlich, Cholesterin durch
die Nahrung aufzunehmen. In Fisch ist Cholesterin und Fett enthalten.
Es ist zwar besser, Fisch zu essen als Schwein oder Rind, aber noch
besser ist es, wenn Sie ihn überhaupt nicht essen. Das Gute an Fisch
ist, dass er mehrfach ungesättigte Fettsäuren enthält. Diese mehrfach
ungesättigten Fettsäuren können zur Vorbeugung von
Herzrhythmusstörungen nützlich sein, die manchmal zum plötzlichen
Herztod führen können. Das ist der Grund, warum Leinöl hilfreich sein
kann. Das ist der Grund, warum Leinöl hilfreich sein kann. Es enthält
eine höhere Konzentration von mehrfach ungesättigten Fettsäuren als
Fisch oder Fischöl, ohne das schädliche Cholesterin.
Frage:
Ich habe eine Frage zu der hochgiftigen Aminosäure Homocystein. Sie
rauht die Innenwände der Herzarterien auf und schafft dem Cholesterin
erst die Gelegenheit, sich dort anzusetzen. Warum wird dieses
Homocystein bei einer Herzbehandlung nicht gemessen? Die Methode dazu
ist sehr einfach!
Ornish: Leider habe ich auch keine Antwort
auf diese Frage, außer dass es vielleicht zu teuer ist, diesen Wert zu
messen. Eine andere wichtige Frage ist aber auch, warum man in
Krankenhäusern Essen bekommt, in dem Homocystein sehr stark vorhanden
ist. Homocystein ist in Fleisch vorhanden, im Gegensatz zu einer
vegetarischen Ernährung, in der es kaum vorhanden ist.
Eine
vegetarische Ernährung ist aber sehr reich an Folin, das Homocystein
verarbeitet und zerstört. Fleisch ist z. B. auch sehr eisenhaltig.
Eisen oxidiert Cholesterin zu einer Form, die es gefährlich macht. In
einer pflanzlichen Ernährung ist das anders, denn dort sind sehr viel
Antioxidantien vorhanden, die helfen, einer Cholesterinmodifizierung
vorzubeugen.
Was ich an dieser Stelle gerne noch anmerken
möchte: Große Veränderungen sind viel einfacher als kleinere
Veränderungen. Als ich selbst mit dieser großen Veränderung der
Lebensweise begann, habe ich festgestellt, dass ich mich sehr viel
besser fühlte. Ich konnte klarer denken und ich habe mein neues
Lebensgefühl so genossen, dass es mir wert war, Fleisch und Fett
aufzugeben. Und das, obwohl ich aus Texas stamme und gerne 4 bis 5 mal
am Tag Fleisch gegessen hatte.
Es ist keine gute Motivation,
Angst vor dem Sterben zu haben und die Aussicht auf ein längeres Leben
ist auch keine gute Motivation. Sich aber heute besser zu fühlen, ist
für die meisten Menschen eine gute Motivation. Ich kann Ihnen sagen,
wenn Sie diese Veränderungen alle auf einmal machen, werden sie sich
besser fühlen! Sie werden besser aussehen. Männer haben sogar ihre
sexuelle Potenz steigern können, denn es ist nicht nur das Herz, das
besser durchblutet wird. Nikotin und Zigaretten bewirken sogar das
Gegenteil: 40 % aller Männer, die rauchen, haben Probleme mit ihrer
sexuellen Potenz.
Frage: Ist Ihre Diät auch für Kinder gut?
Ornish:
Ja, sie ist auch für Kinder geeignet. Wenn die Kinder sich allerdings
noch im Wachstum befinden, sollte dieser Ernährung etwas Fett und
vielleicht etwas Fisch zugefügt werden. Babies sollten gestillt werden
- das ist ganz eindeutig das Beste. Säuglinge brauchen Kalorien und
Fett, aber nicht von einer Kuh, sondern von der Mutter. Es werden
nämlich neben den richtigen Nährwerten auch die wichtigen
Immunantikörper übertragen, die sie gegen Infektionen schützen.
Frage: Wie kann man verhindern, das sich das gute HDL verringert?
Ornish:
Der Körper produziert HDL, um das überschüssige Fett und Cholesterin
abzubauen. Wenn Sie nun Fett und Cholesterin so stark reduzieren, wie
wir es vorschlagen, dann ist es so, als ob Ihr Körper sagen würde:
"Hey, hier gibt´s ja gar nicht mehr so viel zusätzliches Fett und
Cholesterin, das ich abbauen muss, also muss ich gar nicht mehr soviel
HDL produzieren." Dann kann es sein, dass sich Ihr HDL reduziert, was
aber nicht bedeutet, dass Sie sich nun in einem höheren Risiko
befinden. In unserer Studie fielen die HDL-Werte ab und es haben sich
gleichzeitig Rückbildungen der Arteriosklerose gezeigt. Um Ihren
HDL-Wert zu erhöhen, müssen Sie mehr Sport treiben. Aber im Allgemeinen
wird eher Ihr LDL-Wert sinken.
Frage: Es wird hier die ganze
Zeit soviel von Diät gesprochen. Mich würde interessieren, was die
unterstützenden Gruppen für eine Funktion haben.
Ornish: Nun,
es handelt sich bei diesen Gruppen nicht um Psychotherapie. Es handelt
sich um eine Gemeinschaft von Menschen, die in der Absicht
zusammenkommen, über ihre Probleme zu reden, die sie gemeinsam haben.
Es ist ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen können, sich so zu
zeigen, wie sie wirklich sind. Es gibt z.B. Menschen, die in die Gruppe
kommen und zunächst behaupten, dass sie ganz toll sind, ein echter
Gewinner-Typ; jedoch in Wirklichkeit sind sie bankrott. Für die meisten
Patienten aus unserer Studie, die mit der Absicht teilnahmen, einfach
nur ihre Arterien wieder zu öffnen, stellte sich der Gruppenprozess
schließlich als der wichtigste Teil des gesamten Programms heraus. Denn
hier fand eine wichtige Veränderung für die Patienten statt.
Frage: Warum verbieten Sie Koffein in Ihren Empfehlungen?
Ornish:
Koffein hängt nicht so stark mit der Herzkrankheit zusammen, dafür aber
mit Stress. Viele Menschen stellen fest, dass die Wirkung von Kaffee
auf lange Sicht immer geringer wird und sie deshalb immer mehr Kaffee
zu sich nehmen müssen. Kaffee kann auch ungleichmäßige Herzschläge
verursachen und außerdem mehr gesättigte Fettsäuren in den Blutwerten
verursachen.
Frage: Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Programm?
Ornish:
Eine der wichtigsten Aspekte in diesem Programm ist Spiritualität. Es
wird sehr wichtig, in sich zu gehen und Weisheiten zu erlangen, die aus
uns selbst, von innen kommen. Jede Religion kann dabei hilfreich sein.
Frage: Eine Frage zum Sport: Wie viel sollte man machen?
Ornish:
Es ist wichtig, regelmäßig Sport zu treiben! Es ist sehr ungesund,
sechs Tage lang gar nichts zu tun und dann am siebten Tag einen
Marathon zu laufen. Wenn Sie es aber gewohnt sind, jeden Tag einen
Marathon zu laufen und Ihr Belastungs-EKG in Ordnung ist, dann ist
dagegen nichts zu sagen. Wichtig ist, dass die Ausdauer trainiert wird.
Ich bin sehr dankbar, die Möglichkeit gehabt zu haben, heute hier zu sprechen. Vielen Dank für Ihr Kommen! Auf Wiedersehen!
(Aufgenommen: Jürgen Busch, Übersetzung vom Amerikanischen ins
Deutsche: Miriam Kröner, Redaktion: Lutz Hertel. Alle Rechte beim
Deutschen Wellness Verband e. V.)