Wellness-Beiträge



Was ist Medical Wellness und welche weiteren Fragen ergeben sich daraus?

Eine ausführliche Erläuterung der Begrifflichkeiten "Wellness" und "Medical Wellness" sowie die Definition des Deutschen Wellness Verbandes.

Verfasser: Lutz Hertel (Vorstandsvorsitzender)

Konzeptioneller Hintergrund des Wellness -Begriffs

Das Wort „Wellness“ wurde weder in den USA, noch im Rahmen des Tourismus oder Marketings kreiert, sondern ist bereits im 17. Jahrhundert in der altenglischen Sprache als Ausdruck von Gesundheit und Wohlbefinden gebräuchlich (siehe Oxford English Dictionary).

In den 1950er Jahren griff der amerikanische Sozialmediziner Halbert L. Dunn auf diesen Ausdruck zurück, um seinen Vorstellungen von einem Paradigmenwechsel im Medizinsystem der USA einen Namen zu geben. Er bezeichnete Wellness als ein Methodengerüst zur Maximierung der individuell vorhandenen Potenziale, unter Berücksichtigung der gegebenen Lebensumstände. In den folgenden Jahrzehnten wurde dieser Grundgedanke der Förderung von Selbstmanagement-Kompetenz und Selbstverantwortung für die Gesundheit von verschiedenen Protagonisten aufgegriffen, weiterentwickelt und in die Praxis umgesetzt (u.a. Ardell, Hettler, Travis, Cooper).

1979 bestätigte ein internationales Gutachten im Auftrag des Centers for Disease Control in Atlanta den dominierenden Einfluss des Lebensstils auf die Gesundheit und die Lebenserwartung in den westlichen industrialisierten Staaten. Daraufhin entwickelten sich in den USA zahlreiche Maßnahmen in verschiedenen Settings (Städte und Gemeinden, Krankenhäuser, Universitäten, Schulen, Betriebe), um auf Basis des Wellnesskonzeptes Einfluss auf die Lebensweise – Verhaltensmuster, innere Einstellungen und Überzeugungen – zu nehmen. Als Teil des Wellnesskonzeptes erwies sich das „Pleasure Principle“ in der Ansprache der relevanten Zielgruppen als erfolgreich und überlegen gegenüber anderen Ansätzen der Verhaltensmodifikation wie Prävention und Gesundheitserziehung. Gesundheitspsychologische Modelle wie das Eisberg-Modell von Travis (1981) begründen, warum nachhaltige Verbesserungen des Gesundheitszustandes nur gelingen, wenn die den Verhaltensweisen zugrunde liegenden Motive, Emotionen und – meist unbewussten – Lebenskonzepte angesprochen werden. Aus den vorgenannten Gründen definiert der Deutsche Wellness Verband den Begriff „Wellness“ heute als genussvoll gesunde Lebensweise.

Auf dem Markt befindliche Produkte und Dienstleistungen sollen hierzu einen Beitrag leisten. Es sei nochmals deutlich betont, dass „Wellness“ nicht mit „well-being“ (Wohlbefinden) gleich zu setzen ist.


Der Beitrag des Wellness-Konzeptes für die Bevölkerungsgesundheit

Die Bedeutung und der Wert des Wellnesskonzeptes liegt in seinem Potenzial, eine rettende Wende in unserem Gesundheitssystem herbeizuführen. Es verlagert die Selbstverantwortung für die Gesundheit zurück auf ihre Inhaber und es gibt dem Erhalt und der Verbesserung der Gesundheit eine positive, erstrebenswerte Richtung (Saluto-Genese)– weit mehr, als es das Konzept der Prävention vermag.

Aus diesem Grund imponiert das Wellnesskonzept auch unter gesundheitspolitischen Aspekten, denn es hat in der deutschen Bevölkerung eine vielfach größere und positivere Resonanz gefunden als jede bisherige Präventionskampagne. 

Mit den traditionellen Instrumenten unseres Gesundheitssystems sind dessen Probleme nicht zu lösen. Die Dominanz der chronischen Erkrankungen im heutigen und zukünftigen Krankheitsartenspektrum (Diabetes, Hyperlipidämie, Adipositas, Hypertonie, usw.) ist hauptsächlich durch den individuellen Lebensstil begründet. Dieser wird durch die gegenwärtigen Hauptakteure und Strategien unseres Gesundheitssystems weder effektiv, noch effizient modifiziert – und kann es durch sie wahrscheinlich auch nicht. Nur durch die Vermittlung von positiven Anreizen, Sinnhaftigkeit und Kompetenzen für einen balancierten, gesunden Lebensstil wird sich positive Gesundheit in der Bevölkerung nachhaltig herstellen lassen. Dies jedoch liegt nicht im Interesse des gegenwärtigen Systems. Die Ankündigungen, Prävention als eine vierte Säule im Gesundheitssystem zu integrieren, erscheinen vor dem Hintergrund des bislang Erreichten als Halbherzigkeiten und Lippenbekenntnisse der Politik. Zudem werden die traditionellen Akteure des Gesundheitswesens – die Krankheitsexperten und –verwalter – wiederum die Hauptverantwortlichen sein. In diesem Zusammenhang muss auch in Frage gestellt werden, welche Absichten mit der Markteinführung des Begriffes und Angebotes „Medical Wellness“ verfolgt werden. Statt der richtigen Wellness-Botschaft „Du kannst es selbst!“ formulieren einige Interessengruppen bereits – im Einklang mit der Politik : "Du musst es selbst bezahlen!"


Medical Wellness

Wenngleich es differenzierende Dimensionen eines Wellness-Lebensstils gibt, wie z.B. körperliche Wellness, emotionale Wellness, mentale Wellness, spirituelle Wellness, so beziehen sich diese Aspekte doch immer auf das Individuum selbst. Insofern ist der Wellnessbegriff untrennbar mit dem einzelnen Menschen verknüpft. Die Wortneuschöpfung „Medical Wellness“ hingegen kann nur ein Produkt- oder Dienstleistungsangebot bezeichnen. Sie besitzt keinerlei Bedeutung für das Konstrukt Wellness. „Medizinisch“ ist keine Eigenschaft des Menschen. Man kann den Menschen medizinisch betrachten oder behandeln, als ein Teilaspekt des Wellnessbegriffs macht dieser Ausdruck jedoch keinen Sinn.

Ardell (1986) integriert in sein Wellness-Modell neben der Selbstverantwortung für die Gesundheit die medizinische Selbsthilfe (medical self-care). Er verbindet damit in erster Linie jedoch die Fähigkeit des Verbrauchers, kritisch und intelligent mit dem Medizinsystem umzugehen. Wellness bezeichnet er ausdrücklich als „Alternative zu Ärzten, Medikamenten und Krankheiten“. Am Rande sei erwähnt, dass die bereits zitierte Untersuchung des Centers for Disease Control Atlanta einen Anteil von 11% iatrogener Schäden ermittelte, d.h.: ungefähr jeder zehnte Todesfall vor Erreichen des 65. Lebensjahres beruht auf Fehlern in der medizinischen Behandlung.

Die Medizin kann als Anwendungs- und Handlungswissenschaft zur Erkennung, Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten definiert werden. Sie ist damit eindeutig auf Krankheit, und nicht auf Gesundheit ausgerichtet.

Den konzeptionellen Unterschied zwischen Medizin- und Wellnesskonzept hat z.B. Travis (1981) mit seinem Krankheits-Wellness-Kontinuum veranschaulicht. Auf der Seite links vom Mittelpunkt des Kontinuums werden  Befindlichkeitsstörungen, Beschwerden bis hin zu akuten und chronischen Krankheiten sowie Verletzungen durch medizinische Maßnahmen behandelt. Auf der Seite rechts vom Mittelpunkt gibt es keinerlei medizinische Behandlungen, da es im Falle der Beschwerdefreiheit keinen Anlass dafür gibt. Hier finden sich hingegen professionelle Dienstleistungen der Bildung von Gesundheitsbewusstsein, der Anleitung zu gesundheitsfördernden Lebensweisen und der innerpsychischen bzw. Persönlichkeitsentwicklung – alles Maßnahmen salutogenetischer Orientierung. Travis, selbst Arzt, bezweifelt nicht, dass auch Ärzte sich beruflich dem Wellnessmodell verpflichten können. Er hält es jedoch für sehr unwahrscheinlich, dass Ärzte beide Rollenfunktionen zugleich – die des medizinischen Behandlers und die des partnerschaftlichen Wellnessvermittlers – wahrnehmen können. Sehr problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang auch die Erwartungshaltung des Klienten, da dieser den Arzt traditionell und nicht zu Unrecht als Experten und damit verantwortlich für seine gesundheitlichen Belange wahrnimmt. Diese Rückübertragung von Verantwortung ist jedoch nicht im Sinne des Wellness-Konzeptes.

Die Bezeichnung „Medical Wellness“ macht offensichtlich nur Sinn, wenn man damit ein bestimmtes Angebot an Dienstleistungen und Produkten abgrenzen möchte. Worin liegen aber deren Unterschiede im Vergleich zu den bereits existierenden Wellness-Angeboten?


Die Unterscheidung von Wellness- und Medical-Wellness-Angeboten

Verschiedene Definitionsansätze versuchen, "Medical Wellness" mit einer bestimmten Qualität und Kompetenz in Verbindung zu bringen, die über die Qualität und Kompetenz von Wellness-Angeboten hinausgehen soll. Qualität an sich kann jedoch in diesem Zusammenhang kein relevantes Merkmal sein, denn es wird gute und schlechte Wellness-Angebote genau so wie gute und schlechte Medical-Wellness-Angebote geben. Die Qualität zu definieren, zu bewerten und zu kennzeichnen wird Aufgabe von Qualitätsprüfungen und Zertifizierungen sein. Diese kann es für Angebote im Wellness-Bereich genau so wie für Angebote im Medical-Wellness-Bereich geben. Keinesfalls sollte der falsche Eindruck entstehen, Medical Wellness bezeichne per se ein besseres Wellness-Angebot.


Die Bedeutung der Diagnostik

Eine wesentliche Differenzierung könnte jedoch in der Auswahl an Wellness-Aktivitäten und –Anwendungen zu suchen sein, die im Falle eines Medical-Wellness-Angebotes medizinisch und für den jeweiligen Einzelfall begründet sein sollten. Hierfür wäre eine entsprechende Diagnostik die Voraussetzung. Im Falle bereits bestehender und bekannter gesundheitlicher Vorbelastungen und Vorschäden, insbesondere bei chronischen Erkrankungen, ist diese meist schon erfolgt. In allen anderen Fällen müsste sie zunächst durchgeführt werden. Dabei wird konzeptionell zu klären sein, ob damit eine sekundärpräventive Maßnahme im Sinne der Früherkennung von Krankheiten beabsichtigt ist oder aber konventionelle Untersuchungsverfahren, wie sie im Rahmen kurativer medizinischer Dienstleistungen, also außerhalb des Wellnessbereiches, auch erbracht werden. Handelt es sich um sensitive Früherkennungsmaßnahmen, so mag dies durchaus sinnvoll und konzeptkonform sein. Bei einem positiven Befund wären dann ggf. passende Wellnessaktivitäten indiziert, die sich günstig auf das erkannte gesundheitliche Problem auswirken (z.B. Ausdauersport und Entspannungstraining bei Feststellung eines grenzwertigen Blutdrucks). Welche Art von medizinischer Diagnostik erfolgt, spielt im Kontext Wellness sicherlich auch eine bedeutende Rolle. Neben Methoden der wissenschaftlichen Medizin tauchen hier zahlreiche Verfahren aus dem Alternativ-, Komplementär- und Glaubensbereich auf.

Zur Begründung wird von deren Vertretern unter anderem angeführt, dass die Schulmedizin die ganzheitliche Betrachtung des Menschen missachte und zudem im Vorfeld manifester Erkrankung nur unzureichende diagnostische Verfahren zu bieten hätte. Diese paramedizinischen Verfahren sind mehr oder weniger umstritten, wenngleich sie sich eines beachtlichen Zulaufs erfreuen.


Anwendungen und Behandlungen

Neben der Diagnostik wird im Rahmen medizinisch basierter Wellness-Angebote auch die Auswahl der Folgemaßnahmen eine Abgrenzung gegenüber allgemeinen Wellness-Angeboten darstellen können.
Zunächst können Angebote aus dem Bereich der unspezifischen Entspannung (d.h. ohne Anwendung spezieller, zu erlernender Techniken), der kosmetischen und der allgemeinen Wohlfühl-Behandlung ausgeschlossen werden, wenngleich die gesundheitsfördernden Wirkungen auch dieser Maßnahmen wissenschaftlich erwiesen sind.

Es wären nur solche Maßnahmen zu wählen, die auf Basis einer medizinischen Diagnostik eine differenzierte medizinische Wirkung erzielen und in erster Linie den Lebensstil adressieren.

Innerhalb des Medizinsystems wird in diesem Zusammenhang international seit Jahrzehnten von Verhaltensmedizin gesprochen. Dies kann z.B. eine spezielle Diätform oder eine auf ein bestimmtes Krankheitsbild zugeschnittene Entspannungstechnik sein. Sinnvoll erweisen sich insbesondere solche Maßnahmen, die nicht nur isolierte Verhaltensweisen, sondern komplexe Verhaltens- und Einstellungsmuster adressieren. Solche integrierten Programme existieren bereits (z.B. Kneipp, Felke, Ornish, aber auch im Rahmen der traditionellen chinesischen Medizin und der ayurvedischen Gesundheitslehre)), sie sind in der Praxis jedoch noch recht selten in kompetenter Form anzutreffen.

Die Anteile der passiven Behandlung sollten – genau so wie bei allgemeinen Wellness-Angeboten auch – im Verhältnis zu den aktiven Programmteilen nicht dominieren. In Deutschland ist der Begriff Wellness dennoch irriger Weise vorwiegend mit genussvollen, verwöhnenden Behandlungen in Verbindung gebracht worden, wobei diese in der Regel von Kosmetikerinnen, Physiotherapeuten, Masseuren, aber auch sonstigen behandlungsaktiven Berufsgruppen teils fragwürdiger Qualifikation durchgeführt werden. Sicherlich gehört zu einer gesundheits- und wellnessbewussten Lebensweise auch die passiv erfahrene Körperpflege und (manuelle) Behandlung. Dies wird aus konzeptionellen Gründen jedoch weder im Wellness-, noch im Medical-Wellnes-Bereich im Vordergrund stehen dürfen. Das heutige große Bedürfnis vieler Wellness Suchenden nach passiver Entspannung und Entlastung, nach wohltuender Behandlung, Wertschätzung und Zuwendung entspringt einem substanziellen Defizit im Lebens- und Arbeitsalltag und wird in der Regel von Anbieterseite kompensatorisch befriedigt, ohne dass die Ursachen dieses Defizits thematisiert oder gar behoben werden.


Die medizinische Kompetenz

Schließlich kann sich das Angebot „Medical Wellness“ von anderen Wellness-Varianten durch die Art der fachlichen Betreuung unterscheiden. Zu fordern wäre der Logik folgend eine medizinische Kompetenz. Hier scheiden sich allerdings sehr schnell die Geister.

Einerseits arbeiten unzählige Fachkräfte mit medizinischer Kompetenz bereits im traditionellen Wellness-Bereich, sodass allein hierdurch schon keine Differenzierung mehr möglich ist.

Andererseits hat medizinische Kompetenz viele Facetten. Sie beginnt bei der Fußpflege und endet bei schamanischen Ritualen. Gerade durch die hohe Attraktivität des Wellnesskonzeptes hat sich ein zweiter Gesundheitsmarkt etabliert, der neben sinnvollen lebensstilorientierten Angeboten inzwischen auch dubiose paramedizinische und –therapeutische Verfahren beheimatet. Diese haben teilweise bereits auf das neue Etikett „Medical Wellness“ gewechselt. Mit der Förderung und Ausbreitung dieser Angebotsform wird dem Zustrom solcher unseriösen Methoden leider noch zusätzlicher Vorschub geleistet.
Insofern wird man die medizinische Kompetenz und die mit ihr verbundenen Maßnahmen daraufhin überprüfen müssen, ob sie einen nennenswerten Beitrag zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität leisten können und zur Stärkung der Gesundheit durch die Förderung eines gesunden Lebensstils beitragen.

Der Deutsche Wellness Verband hält aus den genannten Gründen den Begriff „Medical Wellness“ für problematisch. Die Bemühungen um eine einheitliche Definition, wie Sie von Prof. Dr. Horst Klinkmann ergriffen wurden, haben bislang wenig zur Konturierung und Abgrenzung beigetragen. Es werden im Gegenteil immer weitere Akteure eingeladen, sich in einem neuen Medical Wellness Markt zu betätigen.
Dennoch stellt sich der Verband vor allem unter dem Aspekt des seit vielen Jahren geleisteten Verbraucherschutzes der Auseinandersetzung mit „Medical Wellness“ und definiert daher auch Qualitätsanforderungen und Kriterien, nach denen entsprechende Angebote und Anbieter von Sachverständigen geprüft und zertifiziert werden können.

Definition "Medical Wellness" des Deutschen Wellness Verbandes

"Medical Wellness" bezeichnet die synergetische Kooperation von Medizin und Wellness, die in ihrer Kombination mehr gesundheitliche Wirkung erzielt als jedes der beiden Kompetenzfelder für sich allein.
Entsprechende Angebote müssen auf Grundlage medizinischer Fachkompetenz die Lebensqualität verbessern und zur Stärkung der eigenen Gesundheit durch einen genussvoll gesunden Lebensstil befähigen. Zumindest im Falle bekannter gesundheitlicher Vorbelastungen oder Vorschäden ist eine ärztliche Mitwirkung unerlässlich.


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