Bioenergetik
Definition
Bioenergetik ist psychotherapeutisch begründete und begleitete Körperarbeit.
Ursprung
Bioenergetik geht auf den Freud-Schüler Wilhelm Reich (1897 – 1957) zurück, der die sog. Orgon-Therapie entwickelte.
Sie ist Grundlage der meisten körperbezogenen Körpertherapien und geht
davon aus, dass muskuläre Verspannungen ("Panzerungen”) ihre Ursache in
frühkindlichen psychosexuellen Konflikten und Angst haben.
Methode
Diesem Ansatz am nächsten ist die Biodynamik.
Die bioenergetische Analyse (kurz: Bioenergetik) basiert ebenfalls auf
der Orgon-Therapie und wurde von Alexander Lowen weiterentwickelt. Er
geht davon aus, dass ein psychisches Trauma immer Ausdruck einer
körperlichen "Panzerung" ist, deren Analyse die darin fixierte
Charakterstruktur und die dahinter stehende Lebensgeschichte offenbart.
Aufgabe der Therapie ist die Konfrontation mit dem "frühen Schrecken”
und der Freisetzung der "eingefrorenen Wut”. Die "Verwundbarkeit" des
Menschen muss sichtbar werden. Eine sog. "Charakteranalyse” nach fünf
Grundtypen dient der Information über den unbewussten Hintergrund der
Probleme und als Basis für die therapeutische Arbeit. "Dramatische”
Körperübungen und aggressives Ausagieren sind therapeutische
Hilfsmittel. Das Zulassen von schreiender Wut gilt als Befreiungsakt.
Beurteilung
Bioenergetische Übungen erweitern heute nahezu jeden
Selbsterfahrungsworkshop und gelten womöglich als therapeutisches
Gütesiegel der Veranstaltung.
Abgesehen von der fragwürdigen Einteilung in fünf Charakterstrukturen
können bioenergetische Übungen in schwere Krisen führen, wenn nicht die
Möglichkeit kontinuierlicher Weiterarbeit und kompetenter(!) Betreuung
besteht. Vielfach fühlen sich die Teilnehmer von Workshops anschließend
allein gelassen und klagen über Depressionen.
Hilarion Petzold warnte bereits in den 1970er Jahren: "Die Leute
weinen, schreien, zittern, aber ändern in ihrem Leben nichts. Sie
öffnen sich nur oberflächlich, erwerben Muster theatralischen und
hysterischen Agierens und bekommen in immer neuen Workshops kurzzeitige
unverbindliche Zuwendung, die ihnen ermöglicht, ihre neurotische
Karriere zu verlängern”.
Literatur
- Alexander Lowen, Bioenergetik für jeden, Kirchheim Verlag (2000)
- Alexander Lowen, Bioenergetik als Körpertherapie, Rowohlt Verlag (1998)
- Eva Reich, Lebensenergie durch sanfte Energetik, Kösel Verlag (1997)
- Colin Goldner, Die Psychoszene, Alibri Verlag (2000)
- Hannelore Fischer-Reska, Das Heilzonen Buch, Gräfe und Unzer Verlag (2001)
- Krista Federspiel und Ingeborg Lackinger Karger, Kursbuch Seele, Verlag Kiepenhauer und Witsch (1996)
- Günter Gerhard und Beatrice Wagner, Sanfte Medizin, Kilian Verlag (2000)
- Stiftung Warentest, Die Andere Medizin (1991)