Ist gemütlich gut genug, um die Seele zu streicheln?

yi spa, berlin

yi spa, berlin

Lieber Herr Joehnk, auch ich gehöre zum besagten Genre, obwohl nicht praktizierend – habe mich dennoch stets und über alles Andere hinweg mit der feinstofflichen Seite und Mission der Architektur befasst. Insofern erlaube ich mir, Ihre Worte nicht auf meine Kappe zu nehmen. Architekten – und ich kennen einige davon – können heilend Herz und Seele öffnen und eine positive Wirkung erzeugen – Glück, Begeisterung, Harmonie, Anregung, Beruhigung, Fröhlichkeit, Spiritualität, Schönheit, Sinnlichkeit, Wohlbefinden. Eine sinnlose Architektur kann dagegen Schaden anrichten. Damit kommt sicherlich nicht nur der Innenraumgestaltung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu, sondern zunächst dem Raum an sich in all seiner Resonanzform und Fähigkeit den bewegten menschlichen Körper aufzunehmen.

In der Tat ist der Moderne die Gemütlichkeit gründlich abhanden gekommen. Warme Materialien, stimmungs-volle Farben und atmosphärisch wirksames Licht einzusetzen, widerstrebt vielen Planern, denen modulare Ordnung wichtiger ist als jegliche Anmutungsqualität, die so genannte Gemütlichkeit. Es ist, wie wir wissen und Sie es, lieber Herr Joehnk auch umsetzen,  durchaus möglich, sinnlich anregendes Ambiente zu bauen, ohne Funktionalität oder „ehrliche“ Materialwirkung zu verleugnen. Fern von Kitsch und Kulissencharakter überflüssiger Dekoration, dafür aber authentisch, stimmungsvoll und atmosphärisch wirksam.

Das Wellness-Erlebnis basiert dabei auf dem ganzheitlichen sinnlichen und körperlichen Erleben eines atmosphärischen Zusammenhangs. Ein immer größer werdende Bedürfnis ist Geborgenheit. Dies ist sowohl räumlich als auch menschlich zu verstehen. Wellnessgäste suchen zwar ein Stress reduzierendes Ambiente, aber keinesfalls puristische Kälte. Viele Wellness- und Spa-Architekten haben in den vergangenen Jahren mit ihren Kreationen Extreme geschaffen. Als Antwort auf orientalischen Zuckerbäckerstil und übertriebene Erlebniswelten aus Gips und Pappmaché folgte minimalistisches Design ohne Herz und Atmosphäre – eben genauso wie plüschige Üppigkeit mit Luxus-Anspruch – keine Räume für das Wohlfühlen. Architektur, die heilsame Freiräume schafft oder gar dem inneren Wachstum Impulse verleiht – wo ist sie denn zu finden?

Und wie viel an sinnlichen Reizen ist nötig und wie viel ist genug?

Keine kühle Klinikatmosphäre, keine Reizüberflutung, die Stress verursacht, keine Traumwolke, die den Besuchern etwas vorgaukelt und nicht einhalten kann, was sie verspricht.

Dem Raum zu trauen, ihm sich anvertrauen, schafft Entspannung. Wie dies zu realisieren ist, ist die Kernfrage. Was ist also eine heilende Raumwirkung? Und gibt es Gesetzmäßigkeiten für die Relation Architektur /Wohlbefinden bzw. Gesundheit, eine quasi ästhetische Formel für Harmonie und Balance?

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